Hallo Freunde der Fotografie, willkommen im Headquarter!

Ich nehme euch heute wieder mit in mein Studio in Recklinghausen. Schaut mal, wer wieder hier ist: Sandra! Wir sind gerade mitten in unserer Serie über verschiedene Lichtformer und Lichtarten. Vor kurzem haben wir uns hartes Licht angesehen, wir hatten die Striplights im Einsatz, aber heute geht es um etwas ganz Besonderes. Wir sprechen über Licht, das Geschichten erzählt. Licht, das nicht einfach nur hell macht, sondern eine Stimmung kreiert, die ihr alle von den Covern der großen Hochglanzmagazine kennt.

Das heutige Thema in der Studiofotografie ist das sogenannte „Vanity Fair Light“. Es ist das Schönheitslicht schlechthin. Und warum ich das so liebe? Weil es bei dieser cinematischen Bildsprache um Gefühl geht. Es geht um den Menschen vor der Kamera, nicht um Technik, nicht um reine Ausleuchtung, sondern um die Seele.

Die Philosophie: Den Menschen zeigen, nicht den Stoff

Wenn ihr euch Bilder von der großartigen Annie Leibovitz oder von Sue Bryce anseht, werdet ihr genau dieses Lichtmuster immer wieder entdecken. Es ist ein weiches, fast malerisches Licht. Es hüllt das Model ein und lässt es strahlen. Der wichtigste konzeptionelle Unterschied zur klassischen Fashion Fotografie ist dabei folgender:

Dieses Licht ist perfekt geeignet für die Persönlichkeit selber, für die Person. Nicht so sehr für Kleidungsstücke wie in der Fashion Fotografie.

Lustigerweise hat sich Sandra für unser Shooting heute in ein waschechtes Hochzeitskleid geworfen – inklusive Ring von der Oma! Witziges Detail am Rande: Als Brautkleid-Model hat Sandra tatsächlich sechs eigene Hochzeitskleider im Schrank hängen, teilweise über eBay geschossen. Das sind so die kleinen Storys am Rande, die Peoplefotografie so spannend machen. Aber auch wenn das Kleid atemberaubend aussieht: Mit unserem Vanity Fair Light werden die Pailletten am Kleid vielleicht nicht hundertprozentig perfekt in Szene gesetzt. Das Licht ist nicht hart genug, um jede Textur herauszuarbeiten. Aber das ist völlig okay, denn wir wollen Sandra schmeicheln, nicht dem Designer des Kleides. Wir malen hier mit sanftem Licht und weichen Schatten.

Setup 1: Der doppelte Schirm und die Kunst der Schatten-Kontrolle

Wie erzielen wir diesen gemäldeartigen, hochwertigen Look im Studio? Die Antwort ist Fläche. Wir brauchen große Lichtformer. In meinem ersten Setup habe ich schräg von oben einen gewaltigen 1,80 Meter großen Schirm positioniert. Er ist innen silber, hat aber eine weiße Diffusorfläche. Das gibt dem Licht eine wunderschöne Richtung, aber eben auch eine immense Weichheit.

Aber Licht von oben hat einen natürlichen Feind im Porträtbereich: Schatten unter den Augen. Wenn wir das Licht wie die Sonne von oben setzen, entstehen diese ungeliebten Augenringe. Und hier kommt der Trick ins Spiel, den ich euch ans Herz legen möchte:

Vom Licht her ist es sehr weich, aber man hat natürlich im Gesicht halt die Schatten. Damit ich das ausgleichen kann, habe ich hier von der Seite noch einen anderen Lichtformer. Den werde ich in gefächerter Position ansetzen, um halt die Schatten aufzuhellen.

Ich nenne es „gefächert“ (feathered). Das bedeutet, wir richten den zweiten, aufhellenden Blitz nicht wie einen Scheinwerfer direkt auf Sandra, sondern drehen ihn leicht an ihr vorbei. Sie wird nur vom Rand des Lichtkegels gestreift. Licht, das so gefiedert wird, ist das weichste Licht, das ihr bekommen könnt. Ohne Grids, ohne harte Kanten. Wir arbeiten hier weich in weich in weich.

Der Hintergrund darf nicht schreien

Für dieses Schönheitslicht ist noch eine Sache absolut essenziell: Der Hintergrund darf niemals vom Motiv ablenken! Es bringt euch das beste Licht der Welt nichts, wenn hinten eine weiße Wand oder ein unruhiges Regal die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Deshalb arbeite ich hier mit einem dunkel melierten, schwarzen Hintergrund von Kate Backdrops. Mit 3 mal 3 Metern habe ich genug Freiheit, auch mal von unten zu fotografieren oder Sandra sich bewegen zu lassen. Der dunkle Stoff saugt das Licht geradezu auf und sorgt dafür, dass Sandra förmlich aus dem Bild herausleuchtet.

Setup 2: Die pure Magie eines Segeltuchs

Jetzt sagt ihr vielleicht: „Ortwin, ich habe aber keinen 1,80 Meter Mega-Schirm in meinem Wohnzimmer!“ Kein Problem. Ich zeige euch im Video noch eine zweite Methode, die genauso fantastisch, wenn nicht sogar noch ein bisschen weicher ist. Wir bauen dafür im Studio komplett um.

Mein Setup: Ein 2,50 mal 2,50 Meter großes Diffusor-Panel. Das ist im Grunde ein gigantisches Segel, durch das wir den Blitz hindurchfeuern. Ich habe das Ding schräg im 30 bis 45 Grad Winkel direkt über Sandra positioniert – natürlich ordentlich mit Sandsäcken und Gegengewichten gesichert, wir wollen ja niemanden erschlagen. Dahinter steht ein ganz normaler Blitzkopf mit einem Standardreflektor.

Ihr werdet überrascht sein, wenn ihr seht, was man mit so wenig erreichen kann. Jedenfalls für Beautyfotografie. Du brauchst nur ein paar Quadratmeter weißen Stoff, aber halt durchscheinend.

Das Faszinierende an diesem Setup: Ihr könnt die Härte oder Weichheit des Lichtes steuern, indem ihr den Blitz hinter dem Segel bewegt. Steht der Blitz weit weg vom Tuch, füllt er das ganze Panel aus und weiches Licht umhüllt das Model. Schiebt ihr den Blitz ganz nah an den Stoff, wird die Lichtquelle isolierter und härter. Es ist ein unfassbar vielseitiges Werkzeug, das oft auch beim Filmen als Dauerlicht eingesetzt wird.

Fotografie bedeutet auch Kompromisse

Natürlich zeige ich euch im Video auch schonungslos die Praxis. Wenn Sandra anfängt, sich mit der Schleppe ihres Hochzeitskleides zu drehen, muss ich erstmal gucken, dass ich mit dem Fokus hinterherkomme – und dass der Blitz schnell genug nachlädt (ja, da waren ein paar schwarze Bilder dabei!). Auch stehen bei großen Lichtformern oft Stativbeine im Bild, wenn man etwas weiterwinklig arbeitet. Wie ich es im Video sage: Einen Tod muss man sterben. Entweder ich schiebe das Setup etwas zurück und verliere Weichheit, oder das Model macht einen Schritt zur Seite, oder ich retuschiere das Stativ nachher in Photoshop raus. Für den Moment habe ich mich für die 85mm Brennweite an meiner Nikon Z entschieden, um den Hintergrund schön zu komprimieren und Sandra ganz als den Star zu fokussieren, der sie in diesem Licht ist.

Mein Fazit für echtes Hochglanz-Licht

Egal, ob ihr den riesigen Schirm nutzt oder durch ein großes Diffusor-Tuch blitzt – das „Vanity Fair Light“ lebt von Fläche und Nähe. Je größer das Licht im Verhältnis zum Model, desto weicher fließen die Schatten über das Gesicht. Es ist ein Licht, das extrem fehlerverzeihend für die Haut ist und fast jedem Menschen schmeichelt. Es braucht keine harten Kontraste, um Spannung aufzubauen, denn die Emotion kommt allein durch die Präsenz eures Models, das von diesem Licht wie von einer weichen Wolke getragen wird.

Schaut euch unbedingt das Video oben an, um live zu sehen, wie sich das Licht auf Sandras Gesicht verändert, als wir die Kleider und Posen wechseln. Ihr seht dort auch genau, wie die Lichtformer im Studio stehen und wie viel (oder eben wenig) Abstand wir zum Hintergrund lassen.

Probiert es bei eurem nächsten Shooting mal aus! Und jetzt nimmt mich wunder: Was meint ihr? Welches Licht hat euch besser gefallen? Das Setup mit den zwei großen Schirmen oder die Magie des riesigen Lichtsegels? Schreibt es mir in die Kommentare – entweder hier auf dem Blog oder direkt unter dem Video bei YouTube. Ich freue mich auf den Austausch mit euch.

Wir sehen uns beim nächsten Mal, wenn wir wieder spannenden Schatten hinterherjagen. Bis dann, macht’s gut!

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