Willkommen im Wahnsinn von Shanghai – Licht, Schatten und Hühnerfüße
Ich nehme euch wieder mit. Willkommen zum nächsten Kapitel unserer fotografischen Reise nach China. Zweiter echter Tag vor Ort, Jetlag sitzt uns noch tief in den Knochen und das Aufwachen in einem Hostel am anderen Ende der Welt hat so seine Tücken. Wer von euch schon mal versucht hat, nach einer viel zu kurzen Nacht seine Füße in asiatische Hotel-Slipper zu zwängen, weiß genau, wovon ich rede.
„Habt ihr schon mal eine Schuhgröße 46 in Hausschuhe für Schuhgröße 22 reingepackt oder so? Man läuft auf Eiern. Ich laufe jetzt auf Eiern und ich mache erstmal die Kamera aus.“
Aber hey, wir sind nicht zum Schlafen hier. Wir sind hier für die Bilder. Für die Geschichten, die diese Stadt auf die Straßen wirft. Dieser Vlog ist eine bunte, laute, aber paradoxerweise auch wahnsinnig leise Reise in das absolute Herz von Shanghai. Es geht um krasse Architektur-Kontraste, um Street Photography in riesigen Menschenmassen und um das Gefühl, sich einfach mal komplett in einer fremden Welt treiben zu lassen.
Der Rhythmus der Straße: Wenn Elektromotoren die Stille diktieren
Wenn man an eine chinesische Metropole denkt, denkt man an Chaos, Hupen und ewigen Lärm. Doch das Licht, das die Szenerie hier morgens beleuchtet, fällt auf Straßen, die fast gespenstisch ruhig sind. Wir standen mitten auf riesigen Kreuzungen – ein bisschen wie das berühmte Shibuya in Tokyo – und alle Ampeln zeigten gleichzeitig Rot. Das ist ein fotografischer Traum! Du hast exakt einen Timer an der Ampel, der dir verrät, wie viele Sekunden dir noch bleiben, um dein Bild zu machen, bevor du fliehen musst.
Was beim Fotografieren sofort auffällt: Es fehlt die akustische Ebene der Verbrennungsmotoren. Da nahezu jedes Auto und jeder Roller elektrisch fährt, bewegt sich diese riesige Stadt wie in einem leisen, stetigen Fluss. Fotografisch passiert da etwas in deinem Kopf – wenn der Lärm wegfällt, schaust du viel genauer hin. Du fokussierst dich auf die Mimik der Menschen, auf kleine Bewegungen, auf das Licht, das sich in den Visieren der leisen Rollerfahrer bricht.
„Das einzige, was die Leute offensichtlich stresst, sind Leute, die Englisch mit ihnen sprechen. Ich habe erwartet, dass Chinesen mehr Englisch sprechen, aber offensichtlich nicht.“
Alt gegen Neu: Ein fotografischer Traum in Shanghai
Schaut mal, die Bildsprache dieser Stadt ist unfassbar dreidimensional. Du stehst auf einer Fußgängerbrücke. Unter dir fahren Autos, dahinter sind noch zwei weitere Brücken in verschiedenen Ebenen, und überall drängen sich Gebäude in die Höhe. Die Komposition deiner Bilder entsteht hier fast von selbst, wenn du bereit bist, den Kopf in den Nacken zu legen.
Das Spannendste für mich als Fotograf ist der harte Kontrast. Auf der einen Seite hast du diese spiegelnden, modernen Hochhäuser, die das kühle Himmelslicht reflektieren. Und wenn du die Kamera nur ein paarmal nach links oder rechts schwenkst, blickst du in Gassen mit alter Architektur. Warme Farben, tiefe Schattenplätze, dampfende Garküchen. Licht ist immer dann am emotionalsten, wenn es auf Strukturen trifft, die schon ein langes Leben hinter sich haben.
Ein Labyrinth aus Kitsch, Kultur und Street Photography
Wir haben uns am Nachmittag in eine absolute Touristen-Ecke in der Nähe der Altstadt (Old Town) gewagt. Im Grunde eine riesige Touristenfalle, aber für die Kamera ein absolutes Schlaraffenland. Ein winziger Eingang offenbarte drei Etagen puren Wahnsinn. Hunderte kleine Shops, die ungelogen alles verkaufen: von Kitsch über Anime-Figuren bis hin zu… nun ja, Schweinehälsen, Entenfüßen und Innereien im Kleinformat.
Wie fotografiert man an so einem Ort, ohne die Szenerie kaputtzumachen? Ich habe meine DJI Action 5 vorne auf die Kamera geschraubt für die Videoaufnahmen und die Kamera am langen Arm vor mir hergetragen. Manchmal muss man aus der Hüfte schießen. Wenn du dir die Kamera direkt vors Gesicht hälst, verändern sich die Menschen sofort. Sie posieren oder drehen sich weg. Hältst du sie am langen Arm, bleibst du ein unscheinbarer Teil der Masse. Das Geheimnis der Street Photography ist es, unsichtbar zu werden. So bekommst du die wahren Emotionen, wenn jemand gerade herzhaft in einen glasierten Hühnerfuß beißt.
KI, Alipay und die Zukunft im Alltag
Einen kleinen Ausflug in die Technik muss ich an dieser Stelle machen, weil es unseren fotografischen Workflow wirklich beeinflusst hat. In China zahlst du praktisch nichts mehr mit Bargeld. Alles – und ich meine wirklich alles, vom riesigen Restaurant bis zum winzigen Stand am Straßenrand – läuft über die App Alipay. Das Smartphone ist die Kommandozentrale.
Und noch ein genialer Nebeneffekt in den Malls: Überall gibt es Automaten, an denen du dir Powerbanks mieten kannst. Wer wie wir den halben Tag Akkus beim Dauerfilmen leerzieht, feiert das extrem. Das macht den Kopf so viel freier für die Motivsuche, anstatt sich Sorgen um den nächsten Ladepunkt machen zu müssen. Man merkt, dass hier ein komplett anderer Wind weht. Apropos Wind: Sandra hat sich auch extrem über die vielen kleinen Getränke mit echtem Fruchtgeschmack gefreut. Ohne sie hätten wir kulinarisch wahrscheinlich nur die Hälfte erlebt. Es sind die Menschen, mit denen wir reisen, die den Blickwinkel für unsere Fotografie erweitern.
Die Nacht ruft: Cinematische Fotografie am „The Bund“
Am Abend ging es dann noch mal kurz zurück, Stativ holen (ein K&F Stativ übrigens, der Code für 20% Rabatt ist in der Videobeschreibung!), und dann ab an die berühmte Promenade am Flussufer: The Bund. Shanghai bei Nacht ist pures Kino.
Aber seid vorgewarnt:
„Auch wenn man sich dort vorkommt, wie in Düsseldorf zum Japantag. Es war ein ganz normaler Wochentag. So ist es dort jeden Tag.“
Zehntausende Menschen, unfassbare Licht-Inszenierungen auf der Skyline gegenüber. Hier ist geduldige Fotografie gefragt. Bau dein Stativ auf, such dir deine Linien und lass die Menschenmassen im Vordergrund notfalls im Motion Blur verschwinden. Längere Belichtungszeiten (sobald man einen festen Stand für das Stativ in der Masse gefunden hat) nehmen dem Motiv die Hektik und geben dem Bild diesen epischen, fast unnatürlich ruhigen Look, den man von guten Filmen kennt.
Licht und Schatten erzählen hier die Geschichte einer Stadt, die niemals stillsteht, aber in bestimmten Nischen unglaubliche Ruhe ausstrahlt. Wir haben uns von hell erleuchteten Wegen treiben lassen, bis wir irgendwann in einer dunklen, ruhigen Seitengasse landeten. Genau für diese ungeplanten Momente machen wir das alles.
Die Kamera ist nur eure Eintrittskarte
Was ich euch mit diesem Video und diesem Artikel sagen will: Die Kamera ist kein Schild, hinter dem ihr euch verstecken sollt. Sie ist eure Eintrittskarte in fremde Welten. Geht los, lasst euch treiben, auch mal durch die lauten Touristen-Fallen, probiert den Pflaumen-Tee oder die verrückten Bonbons und redet (oder gestikuliert) mit den Menschen.
Schaut euch das Video oben in Ruhe an. Ich nehme euch komplett mit, ungeschnitten und ehrlich, durch die Gassen Shanghais. Lasst euch von der Beleuchtung inspirieren, vom asymmetrischen Chaos (über das Sandra sich so herrlich aufregen kann) und von der schieren Größe dieser Stadt.
Wir sehen uns morgen, im nächsten Vlog. Geht raus und macht verdammt gute Bilder!
Euer Ortwin.
