Willkommen in Shanghai – Zwischen Neonlicht, Wolkenkratzern und völliger Reizüberflutung

Hallo zusammen, ich bin’s wieder, euer Ortwin. Ich nehme euch heute mit auf den dritten Tag unserer fotografischen Reise quer durch China. Schaut mal, wir alle kennen diese perfekten, cleanen und komplett durchgeplanten Bilder aus Reisemagazinen oder von Instagram. Aber wer mich kennt, der weiß: Mich interessiert das glattgebügelte Zeug nicht. Mich interessiert das echte Leben, das Raue, das Ungefilterte. Ich suche nach dem Licht, das Geschichten erzählt, und den Schatten, in denen sich die Stadt verstecken will.

Und genau darum geht es in diesem Teil unserer Reise. Shanghai ist eine Stadt der absoluten Extreme. Auf der einen Seite hast du diese unfassbare cineastische Bildsprache – riesige Wolkenkratzer, Neonlichter, die sich in regennassen Straßen spiegeln, Architektur der Superlative. Und auf der anderen Seite bist du plötzlich in engen Gassen, wo der Putz von den Wänden blättert und das Leben so verdichtet ist, dass du kaum Luft bekommst. Wenn man hier mit der Kamera unterwegs ist, lernt man schnell: Du kannst planen, so viel du willst, die Straße gibt am Ende den Takt vor.

Der Morgen danach: Wenn die Eindrücke das Gehirn ausschalten

Unser Tag begann im Hostel – typisch für uns beim Frühstück mit Dingen, von denen wir nicht immer genau wussten, was sie eigentlich sind („Happy“ stand drauf, geschmeckt hat’s trotzdem). Wenn du zu dritt – mit Sandra und Uwe – durch eine Metropole wie Shanghai ziehst, verlierst du völlig das Zeitgefühl. Wir saßen morgens da und mussten uns erst einmal rekonstruieren, was am Vortag eigentlich passiert war.

„Wir erleben an einem Tag so viel, dass wir am nächsten Tag nicht mehr wissen, wo wir waren.“

Und das ist kein Witz. Die Straßenfotografie in Asien saugt dich auf. Wir sprachen über die Oldtown, die wir am Vortag besucht hatten. Eine riesige Touristenfalle, liebevoll nachgebaut, aber komplett auf Konsum ausgelegt. Überall kleine Läden, man kann Etagen um Etagen nach oben laufen und stürzt von einer visuellen Reizüberflutung in die nächste. Ich hatte versucht, filmische Stills zu setzen, aber da sich eine Schraube an meiner Ausrüstung gelockert hatte und das Werkzeug sicher im Hotel lag, war alles etwas wackliger als geplant. Aber wisst ihr was? Genau das ist der Prozess. Kein Setup ist immer perfekt. Manchmal musst du improvisieren und aus dem Gewackel eben Kunst machen.

Licht, Schatten und der wahre Preis des Luxus

Am Tag vier unserer Reise machten wir uns auf in Richtung „French Concession“ (oder wie wir anfangs stolperten: French Connection). Das Ziel: Art Deco, Architektur und danach rüber nach Pudong zu den gigantischen Wolkenkratzern. Wir wollten Nachtfotografie genau von der anderen Seite des Flusses aus machen.

Was auf dem Weg dorthin visuell passiert, ist kaum in Worte zu fassen. Wir fanden uns plötzlich in Läden wieder, die aussahen wie Kunstgalerien. Mitten auf der Haupteinkaufsstraße stößt man auf Geschäfte, in denen das Licht so perfekt gesetzt ist, dass es sich anfühlt wie in einem High-End-Fotostudio. Aber dann schaust du auf die Preisschilder. Um das mal in Relation zu setzen: Ein normales Essen auf der Straße kostet dich vielleicht 30 bis 40 Yuan. In diesem pseudo-künstlerischen Concept-Store kostete ein einfacher Lufterfrischer fürs Auto schlappe 530 Yuan. Ein kleiner Lipbalm? 180 Yuan.

Das sind Momente, in denen die urbane Fotografie auf Gesellschaftskritik trifft. Du hast das ganz normale Leben draußen im harschen Sonnenlicht, und drinnen, in diesen durchgestylten, von weichem Kunstlicht durchfluteten Tempeln des Konsums, existiert eine völlig andere Realität.

Tianzifang: Eine alte Welt voller Details und teurem Tee

Wir marschierten weiter. Irgendwann änderte sich die Atmosphäre dramatisch. Die Wolkenkratzer traten in den Hintergrund, die Straßen wurden unübersichtlich. Wir erreichten Tianzifang, ein älteres Viertel der Stadt. Leute, wenn ihr auf der Suche nach Texturen, natürlichen Rahmengebungen (Framing) und tiefen Schatten seid, dann seid ihr an solchen Orten genau richtig.

Die Gassen sind so eng, dass das Tageslicht nur noch weich gefiltert von oben herabfällt. Das schafft eine unglaubliche Tiefe in den Gesichtern der Menschen und an den alten Backsteinwänden. Hier habe ich mich oft dabei ertappt, wie ich den Autofokus einfach ausgeschaltet habe, um mich voll und ganz auf das manuelle Einfangen dieser knisternden Atmosphäre zu konzentrieren.

Mitten in diesem Labyrinth wurden wir in eine kleine Teezeremonie hineingezogen. Es war faszinierend. Licht formt nicht nur Menschen, es formt auch Räume. In diesem kleinen Laden, bei intensivem Austausch (größtenteils mit Händen und Füßen auf Englisch), kauften wir schließlich Tee, der preislich locker mit den teuersten Läden in Deutschland mithalten kann. 150 Euro für ein Kilo Tee? Ein stolzer Preis, aber das Erlebnis, die Ruhe mitten im Sturm der Großstadt, war unbezahlbar.

East Nanjing Road & The Bund: Wenn die Stadt dich verschluckt

Als die Sonne unterging, wollten wir unser filmisches Licht nutzen. Blaue Stunde, Nachtfotografie, The Bund. Wir liefen die East Nanjing Road entlang – eine der Haupteinkaufsstraßen Shanghais, umringt von leuchtenden Fassaden, Samsung- und Apple-Stores. Das Licht hier ist aggressiv, hart und bunt. Eine ganz andere emotionale Klaviatur als noch Stunden zuvor in den engen Gassen.

Aber dann passierte das, worauf dich keine Kamera-Spezifikation der Welt vorbereitet: Die schiere Masse an Menschen.

„Manchmal sind solche Städte auch wirklich überfordernd und von den Eindrücken her erschlagend. Trotzdem, es hat Spaß gemacht, aber wir waren nachher froh, wieder unser Hostel zu finden.“

Allein die Straße rüber zum The Bund zu überqueren, dauerte gefühlte zehn Minuten. Die Menschenmassen standen dicht an dicht, selbst die regulierende Polizei war völlig überfordert. Unser großer Plan, durch den berühmten Sightseeing-Tunnel mit der kleinen Bahn unter dem Fluss hindurch nach Pudong zu fahren, scheiterte an episch langen Warteschlangen.

Und hier kommt meine wichtigste Lektion für euch, wenn ihr Reise- und Straßenfotografie macht: Lernt, loszulassen. Wenn nichts mehr geht, dann geht nichts mehr. Wenn das Fotomotiv hinter einer Wand von tausend Menschen auf dem Zebrastreifen verschwindet und ihr physisch und mental am Ende seid, dann klappt die Kamera zu. Zwingt nichts. Fotografieren bedeutet für mich, mit dem Flow zu gehen. Wenn der Flow sagt „Es reicht für heute“, dann ist das auch in Ordnung.

Mein Fazit: Das Licht und die Realität

Dieser vierte Tag hat uns einmal mehr gezeigt: Die urbane Fotografie in einer asiatischen Metropole ist ein ständiger Kampf und Tanz zwischen Chaos und Struktur. Wir haben das schmutzige, unperfekte Licht gesucht und gefunden. Wir wurden von Eindrücken erschlagen, sind durch pittoreske alte Gassen gestolpert und haben vor teurem Lipbalm den Kopf geschüttelt.

Schaut euch das Video oben unbedingt an, um genau dieses Gefühl der Reizüberflutung, der engen Gassen und des strahlenden Neons selbst zu erleben. Achtet besonders auf das unfassbare Schokoladenmuseum und das Gewackel aus der Oldtown – manchmal erzählt auch die unperfekte Kamerabewegung die ehrlichste Geschichte.

War von euch schon mal jemand in Shanghai oder einer ähnlich gewaltigen Metropole auf Motivjagd? Wie geht ihr mit solchen Menschenmassen um? Schreibt es mir gerne in die Kommentare. Macht euch auf die Suche nach eurem eigenen Licht, probiert Dinge aus und vor allem: Bleibt neugierig auf das normale Leben da draußen!

Wir sehen uns im nächsten Beitrag, euer Ortwin!

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