Willkommen hinter den Kulissen: Wenn das Instagram-Boot zur Bühne wird

Hallo Freunde der Fotografie! Ich nehme euch heute wieder mit direkt ans Set. Schaut mal, wir kennen sie alle: Diese typischen, vorgefertigten Instagram-Locations. Bunte Blumenwände, Schaukeln oder eben – wie in unserem Fall heute – ein überladenes, kleines Boot inmitten eines Studios. Oft verleiten solche Sets dazu, einfach nur knallbunt und flach abzulichten. Aber ihr kennt mich: Wir wollen keine normale Fotografie, wir wollen Kino. Wir wollen Tiefe. Wir suchen die Seele im Bild.

Ich war für dieses Shooting zusammen mit dem großartigen Model Sathüstra von Lichtenstein unterwegs. Wenn zwei kreative Köpfe aufeinandertreffen, ist das wie ein Tanz. Man probiert aus, man diskutiert über das Licht, man wirft Pläne über den Haufen. Und genau darum geht es in der Peoplefotografie. Nicht um die perfekten Kamera-Specs, sondern um das Gefühl, das im Moment entsteht. Kommt mit, ich erzähle euch, wie wir aus einem einfachen „Instagram-Boot“ eine Szene wie aus einem alten Film noir erschaffen haben.

Licht ist keine Mathematik, Licht ist Kommunikation

Bevor ich überhaupt auf den Auslöser drücke, stelle ich mir (und dem Model) immer die wichtigste Frage überhaupt: Wie hättest du es gerne? Welches Gefühl wollen wir transportieren? Setzen wir auf Seitenlicht oder frontales Licht? In unserem ersten Set im Boot stand fest: Wir wollen sichere, fröhliche Instagram-Ästhetik zerstören und Platz machen für Dramatik.

Sathüstra hatte eine genaue Vision für die Szene, die voller Blumen war. Ich fragte sie, ob wir den hinteren Teil ausleuchten wollen, aber unsere Entscheidung fiel schnell auf das Gegenteil: Wir wollen Dunkelheit.

„Ich würde sagen, sehr dramatisch hart von oben runter. […] Ich möchte eher so Richtung Marlene-Dietrich-Licht gehen.“

Dieses klassische 20er-Jahre-Licht! Steil von oben, harte Schatten unter Nase und Kinn – der sogenannte Butterfly- oder Paramount-Look. Ich war anfangs skeptisch, weil wir durch den Aufbau des Bootes (eine Art Käfig) Schatten im Gesicht riskieren könnten. Haben wir zu viel Schatten, der da runterkommt? Aber hey, Fotografie ist Ausprobieren. Schatten sind doch nicht unsere Feinde. Schatten formen das Gesicht, sie erzählen von Geheimnissen. Wer alles hell ausleuchtet, hat nichts mehr zu verbergen. Und Geschichten leben von den Dingen, die im Dunkeln bleiben.

Umgebungslicht ausschalten: Wenn der Blitz die Regie übernimmt

Um diese cineastische Bildsprache zu erzeugen, musste ich die Szene isolieren. Ich startete mit Blende 4 bei ISO 400. Das Problem? Das Bild war noch viel zu sehr im Raum verankert. Mein Ziel war es, nur den Blitz sprechen zu lassen.

Also drehte ich die ISO radikal runter auf 100. Ich drückte ab – fast komplett schwarzes Bild. Perfekt! Wir haben unsere Leinwand schwarz grundiert. Jetzt kommt der Blitz ins Spiel. Wir nutzten einen AD400, nahmen den Grid (die Wabe) heraus und entfernten auch die Diffusorfolie. Das Ergebnis? Ein gerichtetes, relativ hartes, aber den Raum leicht füllendes Licht, das sich wie ein Scheinwerfer auf einer Theaterbühne verhielt. Nach einigem Ausprobieren mit der Leistung – ein Achtel war zu dunkel, ein halb viel zu hell – trafen wir bei „ein Achtel plus 0.4“ den Sweetspot. Plötzlich war das Boot kein Instagram-Müll mehr, sondern eine intime, geheimnisvolle Kulisse.

Die Brennweite bestimmt die Emotion

Ein weiterer wichtiger Punkt, den viele beim Shooting vergessen, ist der Einfluss der Brennweite auf die Separierung. Sathüstra hob sich anfangs durch das Blumenmeer kaum vom Hintergrund ab. Ich startete bei 60mm, merkte aber schnell: Wir brauchen mehr Kompression, um den Fokus voll und ganz auf sie zu lenken.

Also zog ich auf 120mm auf. Was passiert da? Der Hintergrund rückt optisch näher, verschwimmt butterweich im Bokeh und das Model wird geradezu aus dem unruhigen Set herausgeschält. Das ist Studiofotografie on Location! Wir gestalten die Realität nach unseren Vorstellungen um. Für die Ganzkörper-Aufnahmen wechselte ich später wieder auf 70mm, ging aber bewusster in die Knie, um den Winkel interessanter zu machen. Ihr seht: Technik ist in der Fotografie nie Selbstzweck. Sie ist immer nur das Werkzeug, um eine Emotion sichtbarer zu machen.

Szenenwechsel: Hartes Licht und knalliges Gelb

Nachdem wir das düstere, melancholische 20er-Jahre-Feeling im Kasten hatten, brauchten wir einen Kontrast. Wir bauten um für das nächste Set. Und dieses Mal gingen wir genau in die andere Richtung: Ein greller, gelber Hintergrund.

Wenn du mit extrem bunten Farben arbeitest, musst du verstehen, wie Licht diese Farben sättigt. Weiches Licht flacht hier oft ab. Wir entschieden uns für ein absolut hartes Licht. Kein Diffusor, keine Folien, einfach pures, gerichtetes Blitzlicht von schräg oben. Der Hintergrund musste hell sein, damit das Gelb auch so richtig knallt.

Hier entstand diese großartige Dynamik. Ich lag fast auf dem Boden – tiefer Blickwinkel für mehr Präsenz – und wir feuerten Posen ab. Sathüstra ist ein absoluter Profi. Wenn das Licht steht, ist der Rest ein Spiel aus Formen und Winkeln. „Ruhig mal die Beine etwas höher, ja genau, super, das kommt gut!“ Es ist dieses schnelle Ping-Pong zwischen Fotograf und Model, das die Bilder atmen lässt.

„Oberkörper ein ganz klein wenig nach rechts drehen… nicht viel… von dir aus gesehen nach rechts. […] Ich weiß schon nicht mehr, wo links und wo rechts ist. Diese Frau verwirrt mich und ein Hochformat und Feierabend.“

Solche Momente liebe ich am meisten. Wenn man am Ende des Shootings so im Flow ist, dass man links und rechts verwechselt, weiß man, dass man voll in der Materie drin ist. Die Technik tritt in den Hintergrund, die Verbindung zum Motiv übernimmt.

Was wir heute an Licht-Philosophie mitnehmen

Egal ob ihr Street Photography macht, in Lost Places unterwegs seid oder in fertigen Instagram-Studios steht: Lasst euch nicht vom Raum diktieren, wie euer Bild auszusehen hat.

  • Mut zum Schatten: Wenn ihr eine Geschichte erzählen wollt, dunkelt ab. Schatten gibt dem Gesicht Charakter und Tiefe (Marlene-Dietrich-Licht).
  • Tötet das Ambient-Light: Wenn euch die Kulisse stört, dreht ISO und Blende so, dass das Umgebungslicht verschwindet. Werdet durch euren Blitz zum alleinigen Licht-Regisseur.
  • Spielt mit der Brennweite: Nutzt Telebrennweiten (wie 120mm), um Unruhe im Hintergrund durch Unschärfe und Kompression wegzudrücken.
  • Kommunikation ist alles: Sprecht mit euren Models. Seid kreative Sparringspartner. Fotografie ist Teamwork.

Wenn ihr genau sehen wollt, wie sich das Licht verändert hat, als ich den Blitz eingestellt habe, und wie wir die Posen im gelben Set erarbeitet haben, dann scrollt noch mal nach oben und klickt auf Play. Im Video seht ihr den kompletten Behind-the-Scenes-Prozess – ungefiltert und direkt aus der Praxis.

Schnappt euch eure Kamera, sucht euch ein Set (und wenn es das klischeehafteste überhaupt ist) und überlegt euch, wie ihr es durch euer Licht zu etwas Einzigartigem machen könnt. Licht ist Emotion. Nutzt es!

Bis zum nächsten Mal, euer Ortwin.

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