Willkommen draußen: Licht, Schatten und ein neues (kompliziertes) Spielzeug
Hallo Freunde der Fotografie und mal wieder ganz herzlich willkommen! Ich nehme euch heute ausnahmsweise mal nicht mit in unser vertrautes Studio, sondern wir sind draußen an der frischen Luft. Genauer gesagt am wunderschönen Schloss Borbeck hier in Essen. Wer meine Videos kennt, weiß: Licht ist meine Sprache. Aber manchmal muss man neue Vokabeln lernen, um diese Sprache fließend zu sprechen. Genau das habe ich heute vor.
Ich habe Sandra wieder als Model dabei – und schaut mal ins Video rein, sie hat dieses Mal sogar ein Mikrofon und darf (und soll!) reden. Wir machen heute unser allererstes richtiges Portrait-Shooting mit einer Kamera, die mir in den letzten Tagen echt den letzten Nerv, aber auch wunderschöne Bilder beschert hat: der Fuji GFX 100Sii, kombiniert mit der Porträtlinse schlechthin, dem GF 110mm F2.
Dazu noch mein Godox-Blitzsystem. Wir mischen heute also das wunderbare, aber unberechenbare Available Light mit unserem eigenen, kontrollierten Blitzlicht. Aber ich warne euch vorweg: Es ist kompliziert.
Die absolute Hassliebe: Fluchen auf ganz hohem Niveau
Lasst mich ehrlich zu euch sein. Ich bin niemand, der sich hinstellt und Datenblätter vorliest. Ob eine Kamera nun diese oder jene Framerate hat, ist mir völlig egal. Für mich muss eine Kamera ein Werkzeug sein, das im Hintergrund verschwindet, wenn ich den Moment, das Gefühl und das Licht einfangen will. Die Fuji GFX 100Sii – eine Mittelformatkamera – weigert sich strikt, im Hintergrund zu bleiben. Sie will Aufmerksamkeit. Ständig.
„Zu der Kamera Hassliebe, also das was ich jetzt sage: Ich mag diese Kamera, ich mag die Bildqualität von dem Ding. Wenn ich zwischendurch über das ganze Ding fluche, dann ist das Fluchen auf sehr hohem Niveau.“
Wo liegt das Problem? Es geht um die Philosophie der Bedienung. Ich bin von Nikon verwöhnt. Wenn ich da im Wald stehe und das Umgebungslicht um vier Blenden abdunkeln will, um den Hintergrund schön düster und dramatisch zu gestalten, dann zeigt mir meine Nikon das auf dem Monitor an. Das Bild wird schwarz. Schalte ich dann meinen Godox-Auslöser an, weiß die Kamera: „Aha, der Ortwin blitzt gleich!“ und macht den Monitor wieder hell, damit ich mein Model überhaupt sehe und den Bildaufbau komponieren kann.
Die Fuji? Die macht das nicht. Weder im Schnellmenü noch auf programmierbaren Tasten konnte ich das vernünftig einstellen. Ich muss tief ins Menü graben, um der Kamera zu sagen, was sie mir anzeigen soll. Wenn man mit Licht und Schatten malt, wenn man intuitiv auf das reagieren will, was passiert, ist das ein echter Stolperstein. Im Video zeige ich euch diesen „Blindflug“ mal ganz direkt im Vergleich zwischen Nikon und Fuji.
ISO-Automatik und der Kampf mit dem TTL
Aber damit nicht genug. Wer gerne draußen fotografiert, nutzt oft die ISO-Automatik, während er Blende und Zeit für den kreativen Look selbst bestimmt. Bei der Fuji drehe ich am Rad und sehe… nichts. Nur den Maximalwert. Erst wenn ich den Auslöser halb durchdrücke, verrät mir die Kamera, welche ISO sie wirklich wählt. Das mag nach einer Kleinigkeit klingen, aber im Workflow, wenn die Sonne gerade durch die Wolken bricht und du schnell reagieren musst, ist das anstrengend. Ich hatte schon Shootings, da war ich ungewollt auf ISO 12800 unterwegs. Das hätte man mit einem einfachen Blick auf den Monitor vermeiden können.
Und auch unser Godox-System lief anfangs nicht ganz rund. Ich arbeite bei solchen Outdoor-Szenarien, wo Licht und Schatten schnell wechseln, total gerne mit TTL-Messung und einer leichten Minus-Korrektur (z.B. -0,7 Blenden). Aber bei diesem Shooting sprang die Belichtungsmessung hin und her. Mal zu hell, mal zu dunkel. Das Auge wurde oft nicht gefunden, die Kamera brauchte Zeit. Konsistenz ist definitiv was anderes.
Wenn das Licht endlich sitzt: Die Magie des Mittelformats
Warum tue ich mir das also an? Warum behalte ich diese zickige, langsame Kamera und investiere in teure Objektive? Weil das, was hinten rauskommt, wenn alles stimmt, reine Magie ist.
Das 110mm F2 auf Mittelformat entspricht in etwa einem 80mm mit einer Blende von 1,4 auf einem Vollformatsensor. Aber die Zahlen fassen das Gefühl nicht, das diese Bilder vermitteln. Die Art und Weise, wie diese Kamera Farben auflöst, wie der Hintergrund plötzlich in einem unfassbar weichen, cremigen Nichts verschwindet – das ist fantastisch. Es sieht nicht nur technisch gut aus, es fühlt sich im wahrsten Sinne des Wortes cinematisch an.
„Wenn es passt, dann sieht es richtig gut aus. Die Schärfe ist genau passend, die Lichtverhältnisse sind toll, aber nur wenn es passt.“
Ich habe Sandra ganz bewusst vor einen etwas lebhafteren Hintergrund mit einem Fenster und später vor ein Blumenbeet gestellt. Ein Godox-Blitz mit Grid von vorne, leicht reduziertes Umgebungslicht. Wenn die Kamera das Licht richtig greift, dann fressen sich die 100 Megapixel förmlich in das Motiv. Ihr seht die Ergebnisse im Video – macht euch selbst ein Bild. Pflegeintensiv? Ja. Jammerei? Auch ja. Aber die Qualität entschädigt für fast alles.
Entschleunigung pur: Warum Modelle langsame Kameras lieben
Etwas ganz Spannendes passierte gegen Ende unseres Shootings. Ich fragte Sandra, wie sie sich eigentlich vor dieser behäbigen, langsamen Kamera fühlte. Ihre Antwort hat mich sehr zum Nachdenken gebracht:
„Entspannter. Weil es einfach viel, viel langsamer geht.“
Wir leben in einer Zeit, in der Kameras 20, 30 Bilder pro Sekunde machen. Es gibt Fotografen, die halten einfach den Auslöser gedrückt und lassen es rattern. ‚Spray and pray‘ nennt man das. Sie filmen quasi und suchen sich später das beste Bild heraus. Bei der GFX ist das nicht möglich. Abgesehen davon, dass Terabytes an Daten anfallen würden, ist das Ding einfach nicht dafür gebaut.
Diese zwingende Langsamkeit zwingt dich als Fotografen, wieder ein echter Gestalter zu sein. Ich muss mir den Ausschnitt genau überlegen. Ich muss warten, bis das Licht passt. Ich drücke nur ab, wenn es sinnvoll ist. Diese Ruhe überträgt sich auf das Model. Sandra wusste: Wenn Ortwin nicht fotografiert, kann ich entspannen, atmen, mich neu positionieren.
Und noch ein kleiner Tipp von mir an alle Porträtfotografen da draußen: Schaltet euer künstliches Kamera-Geräusch ein oder nutzt den mechanischen Shutter. Niemals die stille Auslösung bei Portraits! Ein Modell braucht Feedback. Das tiefe, satte Klacken des Verschlusses ist Kommunikation. Es sagt: „Genau das war’s. Halt diese Pose.“
Fazit: Experimentieren gehört dazu
Mein erstes Outdoor-Portrait-Shooting mit der Fuji GFX 100Sii und dem Godox X Pro 2 Auslöser war eine echte Erfahrung. Es klang im Video streckenweise nicht nach einem Werbevideo, das weiß ich. Aber genau das reizt mich an der Fotografie: Man muss mit neuen Herausforderungen wachsen. Wir müssen experimentieren, fluchen, umbauen, das Licht verändern und uns am Ende über das eine, perfekte Bild freuen.
Schaut euch unbedingt das Video oben an. Erlebt hautnah mit, wie ich mit den Menüs kämpfe, lacht über mein (wie ich inzwischen weiß: falsch gelesenes) „Godox Proll“-Modul und vor allem: Genießt die Interaktion mit Sandra. Abonniert unseren Kanal, wenn ihr mehr solcher ungeschönten, authentischen Einblicke in echte Shootings haben wollt.
Wie seht ihr das? Habt ihr auch Kameras oder Objektive, die ihr in der Bedienung hasst, aber wegen der Bildsprache einfach nicht hergeben wollt? Schreibt es mir in die Kommentare drüben bei YouTube oder direkt hier unter den Beitrag.
Wir sehen uns beim nächsten Mal. Bis dann, euer Ortwin!
