Willkommen im Cyberpunk-Wahnsinn – Wenn eine Stadt dich einfach verschluckt
Moin Leute! Ich nehme euch heute mit auf den neunten Tag unserer China Reise – und lasst mich euch eines direkt vorweg sagen: Mein Kopf brummt immer noch von den Eindrücken. Von einer langen, ruckeligen Bahnfahrt ging es für uns geradewegs ins absolute Chaos. Chongqing hat uns mit voller Wucht erwischt. Stellt euch eine Stadt vor, die nicht in die Breite, sondern in gefühlt hundert Schichten übereinander gebaut ist. Straßen auf den Dächern von Hochhäusern, Rolltreppen ins Nichts und eine Luftfeuchtigkeit, die dich beim Aussteigen wie eine Wand trifft.
Der Tag begann übrigens direkt typisch für diese Reise: Ein völlig fremder Einheimischer kam im Restaurant an unseren Tisch und hat uns kommentarlos chemisch schmeckende Limonen-Energy-Drinks spendiert. Keine Ahnung warum, aber genau diese kleinen, ungefilterten Momente machen Street Fotografie und das Reisen hier so unfassbar echt. Wir fielen auf wie bunte Hunde – und das haben wir fotografisch natürlich voll ausgenutzt. Schaut mal rein in meine Gedankenwelt zu Tag 9!
Street Fotografie im 3D-Labyrinth: Hochhäuser, Hinterhöfe und Blade Runner Vibes
Wenn du in Europa auf der Straße fotografierst, hast du meistens eine klare Vorstellung von Horizont und Perspektive. Du weißt, wo oben und unten ist. Hier in Chongqing? Vergiss es. Diese Stadt hat mich als Fotograf komplett herausgefordert und gleichzeitig wahnsinnig inspiriert. Unser erster Schock nach der Ankunft war nicht nur das Wetter – von 35 Grad im Schatten und einer Hitze wie im Heizungskeller hin zu plötzlichen 15 Grad und Regen – sondern diese völlig surreale Architektur.
„Man denkt, man geht nach unten und dann kommt die nächste Treppe mal wieder nach oben. Hier ist alles dreidimensional.“
Ich bin teilweise völlig absichtslos losgezogen. Uwe und Sandra haben sich für eine Shopping-Tour getrennt, und ich habe mein geliebtes Drifting gestartet. Sich einfach treiben lassen. Das ist für mich der Kern echter Urban Fotografie. Ich bin in Höfe geraten, die eigentlich auf den Dächern von riesigen Komplexen standen. Da schaust du durch ein wildes Kabelgewirr und siehst direkt unten drunter jemanden in seiner Küche kochen. Das Stadtbild ist ein einziger, gigantischer Kontrast. Das ist keine glattpolierte Kulisse, das ist lebendig, manchmal dreckig, aber immer wunderschön. Genau das sind die Geschichten, die ich mit meiner Linse einfangen will.
Licht und Schatten: Warum du den Kontrastumfang lieben lernen musst
Lasst uns ein bisschen über Licht philosophieren, denn das ist mein absolutes Herzensthema. An diesem Tag war das Wetter ein stetiges Auf und Ab. Mal diesig, mal drückend hell, dann wieder Regentropfen. Ich hatte – zu meiner eigenen Belustigung – einen knallgelben Plastik-Regenponcho an, was nicht gerade mein modisches Highlight war, aber der Fotografie zuliebe macht man alles mit. Doch was mich wirklich beschäftigt hat, war das Licht.
Viele Fotografen machen sich heute verrückt wegen der Technik. Sie schauen auf Datenblätter und prüfen, wie viel Dynamikumfang der Sensor ihrer Kamera hat, um ja jedes Detail im Schatten aufzuhellen. In Chongqing kommst du mit dieser Denkweise nicht weit. Die Kontrastumfänge zwischen den tiefen, dusteren Häuserschluchten und dem milchigen, grellen Himmel sind so massiv, dass jede Kamera kapituliert. Aber wisst ihr was? Das ist genau richtig so!
„Fotografisch gesehen war es mal wieder so, dass ich gemerkt habe, Kontrastumfang von Kameras ist eine ganz wichtige Sache… Hier kann man wirklich sagen, keine Angst vor tiefen Schatten, weil die entstehen automatisch.“
Eine cinematische Bildsprache lebt nicht davon, dass alles perfekt ausgeleuchtet ist. Cinematik ist Emotion. Und Emotionen brauchen Geheimnisse. Wenn ein Hinterhof in absoluter Dunkelheit absäuft und nur eine einzige Garküche durch ein grelles Neonlicht erhellt wird, dann erzählst du eine Geschichte. Traut euch, Dinge im Schwarz verschwinden zu lassen. Der Schatten ist nicht euer Feind, er ist das Werkzeug, das euer Licht überhaupt erst sichtbar macht.
Vor der Linse und hinter der Kamera: Wenn man plötzlich selbst das Model ist
Eine der schönsten Erkenntnisse dieser Reise: Street Fotografie ist hier keine Einbahnstraße. In Städten wie Chongqing laufen im Gegensatz zu uns kaum ausländische Touristen herum. Der Tourismus ist hier gigantisch, aber eben fast rein innerchinesisch. Wenn wir also mit unseren Kameras durch die Straßen ziehen, sind wir oft selbst das Motiv.
Immer wieder standen extrem freundliche, leicht neugierige Chinesen in angenehmer Entfernung hinter mir. Sie haben mir über die Schulter auf das Display geschaut, als ich den Horizont für ein Bild gerichtet habe. Sie wollten sehen, wie wir ihre Welt sehen. Wenn man sich umdreht und lächelt, gibt es einen gehobenen Daumen. Es ist ein stiller Respekt vor dem Erschaffen von Bildern, den ich hier extrem spüre. Es wird viel fotografiert, großem Equipment wird Beachtung geschenkt. Und auch wenn das Handy tolle Bilder macht, hat die bewusste Fotografie mit einer großen Kamera hier noch einen echten Stellenwert.
Die Hilfsbereitschaft war ohnehin überwältigend. Als wir völlig durchgeschwitzt bei 35 Grad an einer Treppe saßen – unser Wetterbericht lag mal wieder meilenweit daneben – kam spontan jemand mit Plastikhockern und reichte uns Tee. Kein Geld gefordert, einfach nur pure Gastfreundschaft. Solche Momente geben dir als Fotograf die Sicherheit und die Ruhe, dich wirklich auf die Umgebung einzulassen.
Skywalk und Raffles City: Der finale Brain Overflow
Nachdem wir unzählige Meter an Höhenunterschieden zu Fuß bezwungen haben, wollten wir auf das Gebäude, das diese Stadt aktuell visuell dominiert: Den „Crystal“ auf der Raffles City. Es hat uns einiges an Nerven gekostet. Fünf Etagen runter, eine wieder rauf, Schilder, die ins Nichts führen… typisches Bahnhof-Chaos eben.
Aber als wir dann endlich dort oben auf dem Skywalk standen, in über 300 Metern Höhe, mit einem Matcha-Joghurt-Smoothie in der Hand und durch den Glasboden nach unten blickten, war alles andere vergessen. Diese irre Aussicht, dieser endlose Beton-Ozean, der bis an den Horizont reicht. Hochhäuser hinter Hochhäusern hinter Hochhäusern.
„Ich weiß nicht, wie euch Chong Ching gefällt. Klar, für Naturburschen ist das vielleicht nicht gerade was, aber für einen wie mich, der auf Blade Runner und Cyberpunk steht, das ist schon Overflow, einfach Overflow. Die Bilder sprechen für sich.“
Fazit: Packt die Kamera, vergesst die Regeln, lasst euch treiben
Tag 10 dieser Reise war anstrengend, heiß, dann kühl, verwirrend und chaotisch. Aber er war vor allem eines: unglaublich reich an Motiven. Mein größter Tipp, wenn ihr in so einer Reizüberflutung fotografiert: Versucht nicht, alles 1:1 festzuhalten. Das klappt ohnehin nicht. Konzentriert euch auf die Ausschnitte. Auf den Typen, der sein goldenes Gebäude fotografiert haben will. Auf den umgebauten Bombenschutzkeller. Auf die harten Kontraste zwischen Leuchtreklamen und schwarzem Nachthimmel.
Licht und Stimmung sind immer wichtiger als technische Perfektion. Ich hoffe, dieser Blogbeitrag gibt euch ein bisschen das Gefühl, neben mir durch diese irre asiatische Metropole gelaufen zu sein.
Schaut euch unbedingt das Video oben an, um die wahre Größenordnung dieser Stadt und die Cyberpunk-Momente in Bewegung zu sehen! Es ist schwer in Worte zu fassen, man muss das Geklapper der Magnetschwebebahn und die endlosen Treppen einfach selbst gesehen haben. Lasst mir sehr gerne drüben auf YouTube einen Kommentar da – mich würde extrem interessieren: Seid ihr eher Team Natur oder feiert ihr solche Mega-Cities für eure Urban Fotografie genauso wie ich? Wir sehen uns dort. Bis dahin: Bleibt fokussiert und liebt eure Schatten!
Euer Ortwin
