Willkommen im echten Blade Runner Leben – Chongqing City

Guten Morgen aus Chongqing! Schön, dass ihr wieder dabei seid. Ich nehme euch heute mit auf eine Reise in eine Welt, die sich eigentlich kaum in Worte fassen lässt. Schaut euch das Video am besten direkt an, denn das, was wir hier erleben, sprengt jede europäische Vorstellungskraft.

Wenn eine Stadt den Begriff Urban Jungle verdient, dann ist es genau diese Stadt.

Wir laufen hier täglich unsere 17 bis 18 Kilometer. Das klingt nach einem harten Fitness-Bootcamp – und das ist es auch. Die Stadt ist in die Berge gebaut. Du gehst rauf, treppab, treppauf, als wärst du endlos auf einem Stepper unterwegs. Aber der eigentliche Wahnsinn ist nicht die körperliche Anstrengung, sondern die optische Überflutung. Wir haben teilweise für einen einzigen Kilometer eine ganze Stunde gebraucht. Warum? Weil man einfach nicht vorwärtskommt! Nach 10 Metern bleibst du stehen, weil sich eine komplett neue Lichtsituation, eine neue Gasse oder ein neues, bizarres Detail auftut. Sandra hat es hier schon ab und zu geschafft, sprachlos zu sein. Ich bin es andauernd.

Licht, Schatten und der Verzicht auf Festbrennweiten

Ihr wisst, ich rede eigentlich viel lieber über die Gefühle in einem Bild als über nackte Kamera-Specs. Licht ist für mich Emotion, Schatten erzählen die Geschichten, die im Verborgenen liegen. Aber auf so einer Urban Photography Tour fragen mich viele: Ortwin, was hast du auf der Kamera?

Ich sage es euch ganz ehrlich: Vergesst eure geliebten Festbrennweiten für so einen Trip. Ihr verpasst einfach zu viele Momente. Ich habe ein 24-120mm dabei, Sandra ein 18-300mm. Wenn hinter dir plötzlich ein Scooter-Fahrer mit einer Essenslieferung durch die Gasse schießt, willst du diese Dynamik einfangen. Da hast du keine Zeit, Objektive zu wechseln.

Festbrennweiten machen bei so einem Trip überhaupt keinen Sinn aus unserer Sicht, weil man will schnell reagieren, man will schnell was ranholen.

Was das Licht angeht: Das ist hier eine absolute Herausforderung und gleichzeitig ein Geschenk. Die Kontraste in dieser Metropole sind so massiv, dass dir keine Automatik der Welt den Job abnimmt. Ich fotografiere im manuellen Modus, passe Zeit und Blende an, aber das Licht ändert sich im Sekundentakt. Und hier kommt mein Lieblingstrick für euch, wenn ihr diesen unfassbaren Blade-Runner-Look haben wollt: Lasst den automatischen Weißabgleich aus!

Wir sind hier einfach mal unverschämt in fremde Hochhäuser rein, haben den Fahrstuhl gedrückt und sind in leeren Tiefgaragen gelandet. Das sind sogenannte „Liminal Places“ – Übergangsräume. Wenn du deine Kamera stur auf Tageslicht stehen hast und dann das künstliche Licht dieser asiatischen Parkhäuser einfängst… boom! Du bekommst ungefilterte Farbtöne von Blau über Grün bis hin zu einem dreckigen Orange. Das menschliche Auge filtert sowas weg, aber die Kamera zeigt dir die wahre, rohe Emotion des Ortes. Probiert das unbedingt mal aus.

Scouting-Wahnsinn: Von 22-stöckigen Abgründen und fliegenden Zügen

Urbanes Location Scouting in Chongqing ist ein Abenteuer für sich. Man darf sich wirklich nicht auf alles verlassen, was andere YouTuber so erzählen. Wir standen gestern vor einem Viertel, das wir unbedingt shooten wollten – zack, komplette Baustelle. Kann man abhaken.

Aber dann findest du diese Spots, die dir den Atem rauben. Wir standen auf einem wunderschönen, ruhigen Marktplatz. Tempel, Supermärkte, kleine Andenkenläden. Ein gemütlicher Platz, denkt man. Bis du an die Kante gehst und feststellst: Du stehst gerade im 22. Stock! Du guckst runter und siehst tief unter dir die Autos fahren. Das ist Architektur, die den Verstand herausfordert.

Natürlich durfte auch ein ganz spezieller Hotspot nicht fehlen: Die Liziba Station. Das ist diese ikonische Bahn, die mitten durch ein Hochhaus fährt. Die meisten Touristen drängen sich unten auf der Straße wie die Sardinen, mit Megafonen und unfassbarem Lärm. Wir haben unser eigenes Ding gemacht. Wir sind durch die Station durch, haben freundlich das Personal gefragt – die übrigens so herzlich und hilfsbereit waren, dass sie uns einfach Tore geöffnet haben, ohne dass wir ein neues Ticket kaufen mussten – und haben uns auf die abgewandte Seite gestellt. Keine Menschenmassen, freie Sicht auf den Zug und die pure urbane Atmosphäre.

Wenn der Regen fällt, erwacht die Magie

Gegen Abend zog sich der Himmel zu. Viele Fotografen packen dann ihre Sachen. Ich sage: Jetzt geht’s erst richtig los!

Das Licht in dieser Stadt ist fantastisch, wenn es denn mal da ist. Nachher regnet’s, das wird auch toll.

Wir waren pünktlich in Jiefangbei, dem absoluten Zentrum für Neon- und LED-Wahnsinn. Diese schiere Masse an Lichtquellen zerschneidet die Dunkelheit. Wenn dann noch der Regen auf den Asphalt prasselt und die Straßen anfangen, diese flackernden Neon-Farben zu reflektieren, bist du endgültig in einem Cyberpunk-Film angekommen. Die cinematsche Bildsprache schreibt sich hier fast von selbst. Du musst nur bereit sein, den Auslöser zu drücken und die Atmosphäre aufzusaugen. Keine gestellten Posen, keine künstlichen Blitze – nur das rohe, ungefilterte Licht der Megacity.

Street Photography ist auch Menschlichkeit

Eine Sache, die mich in China wirklich tief berührt, ist die Art, wie wir hier aufgenommen werden. Mit 34 Millionen Einwohnern ist Chongqing ein gigantischer Moloch, aber die Herzlichkeit im Detail ist irre. Wir als westliche Fotografen sind hier oft selbst die absolute Attraktion.

Da stellen sich Chinesen unauffällig neben uns, tun so, als würden sie in die Luft schauen, nur damit ihr Kumpel ein Foto von ihnen… und von uns knipsen kann. Genau die Technik, die wir Street-Fotografen auch benutzen! Man wendet unsere eigenen Tricks gegen uns an, und das auf die charmanteste Weise. Einheimische Mädchen nehmen ihren ganzen Mut zusammen, um Sandra zu sagen, wie wunderschön sie ist, und fragen schüchtern nach einem gemeinsamen Foto. Als wir verschwitzt vor einer Bar saßen, um unsere Route auf dem Smartphone zu planen, kam der Besitzer raus und bot uns einfach so Stühle und etwas zu trinken an. Ohne etwas zu verlangen. Diese Begegnungen sind es, die eine Fotoreise erst wirklich wertvoll machen.

Fazit: Rein ins Chaos!

Was könnt ihr aus diesem Tag in Chongqing für eure eigene Fotografie mitnehmen? Seid mutig! Lasst euch auf das Chaos ein. Ein Plan ist wichtig, ja, aber die besten Bilder entstehen auf dem Weg dorthin. Tretet einfach mal in einen „Liminal Space“, spielt mit falschen Weißabgleichen, trotzt dem Regen und vor allem: begegnet den Menschen vor Ort mit einem Lächeln.

Wenn ihr hautnah sehen wollt, wie diese gigantischen Hochhäuser über uns zusammenwachsen, wie scharf das lokale Streetfood (Hühnerfüße inklusive!) wirklich ist und wie sich dieses unfassbare Neon-Licht im Regen bricht, dann scrollt noch mal hoch und startet das Video. Ich verspreche euch, ihr werdet die Welt danach mit anderen Augen sehen.

Wir sehen uns auf der Straße. Bleibt kreativ, sucht das Licht und fangt die Schatten ein.
Euer Ortwin.

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