Hallo Freunde der Fotografie und willkommen am Set!
Ich nehme euch heute mit hinter die Kulissen. Vor Kurzem bekam ich eine Einladung, die ich einfach nicht ausschlagen konnte: Ein TFP-Shooting in Warendorf, etwa 120 Kilometer von mir entfernt. Die Location? Ein angemietetes Airbnb. Das Model? Die wundervolle Lisa, die extra aus Wolfsburg angereist war.
Was wir an diesem Tag erschaffen haben, war so intensiv und vielschichtig, dass am Ende ein Video von über 30 Minuten Material auf der Speicherkarte lag. Weil ich euch aber nicht nur mit Bildern bewerfen, sondern euch wirklich zeigen will, warum ich das Licht genau so setze, wie ich es setze, habe ich mich entschlossen, einen Dreiteiler daraus zu machen. Schaut mal rein – im heutigen ersten Teil geht es um Erotik am Klavier, um eine geheimnisvolle Stimmung aus den 30er- oder 40er-Jahren und vor allem: um das Spiel mit Licht und tiefen, geschichtenträchtigen Schatten.
Die Location: Warum ein Airbnb für dein Boudoir Shoot Gold wert ist
Oft werde ich gefragt: „Ortwin, wo findest du immer diese tollen Locations für deine Portraitfotografie?“ Die Antwort ist manchmal ganz profan. Wenn ihr mal eine fesselnde Location braucht, fernab vom sterilen Studio-Hintergrundkarton: Mietet euch doch einfach ein Airbnb! Teilt euch die Kosten im Team, und ihr habt für einen ganzen Tag einen Raum voller Requisiten, Möbel und Ecken, die nur darauf warten, in eure eigene Szenerie verwandelt zu werden.
In unserem Fall stand in diesem Haus ein wunderschönes elektronisches Klavier. Sofort sprangen in meinem Kopf die Bilder an. Ein Klavier, ein bisschen klassisches Styling, eine schöne Frau – das schreit nach filmischer, cinematischer Bildsprache.
Der Beauty Dish: Lichtformer oder Stimmungs-Killer?
Für dieses Set hatte ich mein Standard-Setup dabei, aber mit einem ganz klaren Fokus auf die Stimmung. Mein Hauptlicht war ein 60 cm Beauty Dish. Wer meine anderen Videos kennt, weiß: Der Beauty Dish hat in der Mitte einen Deflektor. Das Licht knallt also nicht direkt nach vorne auf das Model, sondern wird erst zurück in die silberne Beschichtung geworfen und kommt dann ausladend, aber dennoch knackig zurück. Es formt Gesichter, es macht die Hautstruktur spannend.
Aber man muss wissen, was man tut. Im Video erkläre ich das ganz unfiltered:
„Den Effekt von so einem Beauty Dish kann man komplett zerstören, wenn man hier diese Socke draufsetzt. Dann habe ich einfach nur sowas wie einen normalen Lichtformer, wie eine Softbox.“
Licht ist für mich kein technischer Parameter. Licht ist Emotion. Wenn ich die Socke (den Diffusor) über den Beauty Dish ziehe, töte ich die Kanten. Alles wird weich und gefällig. Für manche Beauty-Bilder ist das toll. Aber für ein verruchtes Boudoir Shoot am Klavier will ich keine glattgebügelte Helligkeit. Ich will Dramatik! Deshalb habe ich die Socke weggelassen und später sogar den Grid (die Wabe) eingesetzt, um das Licht extrem stark zu richten.
Kurzer Einschub: Sicherheit geht vor!
Bevor wir uns in der Romantik der Schatten verlieren, ein kurzer Real-Talk vom Set: Denkt an eure Stative! Packt ein verdammtes Gewicht auf euren C-Stand. Wenn euch ein Beauty Dish aufs Model fällt, ist das Shooting vorbei und die Stimmung im Keller. Und noch ein Tipp, den ich im Eifer des Gefechts fast selbst vergessen hätte: Das offene Ende einer C-Stand-Stange ist tückisch. Normalerweise packt man da einen aufgeschnittenen Tennisball drauf, damit man nicht mit dem Kopf oder gar den Augen hängen bleibt. Passt auf euch und euer Team auf!
Cinematische Bildsprache: Den Hintergrund in die Schranken weisen
Unsere Ausgangssituation am Klavier: Ich hatte Lisa am Instrument platziert, aber im Hintergrund war ein riesiges Fenster, durch das tageshelle Helligkeit hereinbrach. Das ist das klassische Problem bei der Urbanfotografie in echten Räumen. Wenn ich einfach draufhalte, übertönt die Sonne meinen Blitz, oder das Bild wirkt wie ein typischer Schnappschuss.
Wie erschaffen wir also diesen düsteren, geheimnisvollen Cinema-Look?
- Ich habe die Verschlusszeit an der Kamera verändert. Von 1/125 Sekunde bin ich auf 1/200 Sekunde hochgegangen. Damit drehe ich dem Umgebungslicht (dem Fenster) quasi den Hahn zu. Der Hintergrund wird dunkler.
- Dann kam der Blitz dazu: TTL auf -0.3 gesteuert. Dadurch entsteht eine „Light Ratio“ (ein Belichtungsumfang), bei der der Hintergrund gut eine Blende dunkler ist als mein Model im Vordergrund.
Das Ergebnis? Lisa rückt emotional und visuell wortwörtlich in den Fokus. Alles um sie herum versinkt in einer leicht schummrigen Eleganz.
Storytelling im Posing: „Du bist stolz und du weißt es“
Ein tolles Licht bringt dir gar nichts, wenn das Model nicht die richtige Energie ausstrahlt. Lisa war großartig. Sie hat sich total auf das 30er/40er-Jahre-Set eingelassen. Mein Job als Fotograf ist es dann, diese Energie in die richtige Bahn zu lenken. Oft haben Menschen die Angewohnheit, den Kopf schief zu legen, wenn sie besonders „schön“ wirken wollen. Aber für dieses Setup brauchten wir Spannung, Stärke, fast schon etwas Laszives.
„Stell dir einfach vor, du bist stolz, du siehst gut aus und du weißt es.“
Als sie sich leicht eingedreht ans Klavier setzte, die Beine elegant überschlug und mir geradewegs in die Linse schaute – da war das Bild plötzlich da. Wir haben dann noch Kerzen auf das Klavier gestellt. Das extrem harte Licht aus dem Beauty Dish (mit Grid) hat tiefe, knackige Schatten auf ihren Körper geworfen, während die Kerzen für diesen warmen, fast flüchtigen Moment gesorgt haben.
„Boah, das sieht geil aus! Alter… mit ein bisschen Licht kann man das ganz gut machen.“
Genau in solchen Momenten weiß ich, warum ich die Fotografie so liebe. Es ist dieser Augenblick, wenn auf dem Display genau das Gefühl auftaucht, das du vorher in deinem Kopf visualisiert hast.
Der Pluspunkt am Set: Der „Sklave“
Ein kleiner Schmunzler am Rande des Videos: Lisa hatte ihren Freund dabei, der uns tatkräftig unterstützt hat. Wir haben ihn liebevoll als „Sklaven“ betitelt – was natürlich ein Gag am Set war. Aber ganz im Ernst: Einen Freund oder Bekannten als Assistenten bei einem TFP Shooting dabei zu haben, ist für beide Seiten ein Gewinn. Das Model fühlt sich sicher und wohl, und der Fotograf hat direkt jemanden, der mal ein Licht drehen, eine Kerze anzünden oder das Making-of filmen kann. Ein gutes Team ist durch nichts zu ersetzen.
Was nehmt ihr aus diesem Set mit?
Wenn ihr euch das Video oben anseht, achtet mal nicht so sehr auf die Kameramarke oder die Megapixel. Achtet darauf, wie sich die Stimmung auf Lisas Gesicht verändert, wenn ich den Grid auf den Beuty Dish setze. Achtet darauf, wie der Raum durch ein einfaches Drehen an der Verschlusszeit von „helles Schlafzimmer“ zu „geheimnisvoller Boudoir-Kulisse“ wird.
Licht und Schatten sind keine Feinde. Sie sind Dialogpartner. Der Schatten definiert erst, wo das Licht hinfallen darf. Ohne Schatten kein echtes Gefühl.
Also, tut mir den Gefallen: Mietet euch eine geile Location, packt nicht nur weiche Softboxen ein, sondern traut euch auch mal an hartes, gerichtetes Licht heran. Lasst die Schatten auf den Körper fallen und erzählt eine Geschichte!
Schaut euch unbedingt das Video oben an, um den ganzen Prozess live mitzuerleben. Hinterlasst mir dort gerne einen Kommentar, wie euch das Licht-Setup am Klavier gefallen hat. Und vergesst das Abonnieren nicht – denn Teil 2 und Teil 3 aus diesem Airbnb-Shooting stehen schon in den Startlöchern, und glaubt mir, es wird noch richtig spannend!
Bleibt kreativ – euer Ortwin.
