Willkommen in den Tropen – mitten im Ruhrgebiet!
Hallo Freunde der Fotografie! Ich nehme euch heute mit auf eine ganz besondere Reise. Wer sagt eigentlich, dass man für exotische Fashion Fotografie um die halbe Welt fliegen muss? Manchmal liegt das Abenteuer direkt vor der Haustür. Schaut mal genauer hin: Wir tauchen heute ab in das subtropische Ruhrpott-Klima. Genauer gesagt: Wir sind im Tropenhaus des Grugaparks, und ich habe die großartige Sarathustra von Lichtenstein vor der Linse.
Wenn ihr mal eine außergewöhnliche Idee umsetzen wollt, macht es euch nicht zu kompliziert. Geht einfach mal irgendwo hin, fragt nach, ob ihr dort etwas machen dürft. Natürlich haben wir uns für dieses Shooting eine offizielle Genehmigung eingeholt – ein kurzer Anruf genügt oft schon. Für die rein private Nutzung sind viele solcher Orte sogar frei zugänglich. (Aber tut mir einen Gefallen: Ruft nach diesem Video nicht alle am selben Tag bei der Grugahalle an, lasst der Welle ein, zwei Tage Zeit, okay?)
Unser Setup für heute ist erstaunlich übersichtlich, weil es mir nicht um Materialschlachten geht, sondern um die Geschichte, die wir erzählen wollen. Ich habe meinen Blitz dabei, eine Reflexionsfläche mit Diffusor davor, und das war’s im Grunde schon. Licht ist schließlich Emotion, und wir wollen hier heute das pure Dschungel-Feeling kreieren.
Der Kampf gegen den Nebel: Herausforderungen on Location
Wenn ihr in einem echten Tropenhaus steht, spürt ihr die feuchte, warme Luft sofort auf der Haut. Das fühlt sich toll an, ist aber für unsere Ausrüstung erst einmal ein kleiner Schock. Was bei so einer Atmosphäre nämlich extrem problematisch ist: Die Kameras beschlagen sofort.
Wenn ihr euch in so eine Situation begebt, denkt an euer Equipment. Beschlagene Linsen sind der Feind eines jeden scharfen Hero Shots. Ich nutze dafür ein kleines Gebläse, aber Vorsicht: Haltet den Luftstrom nicht direkt frontal auf die Linse und fahrt das Objektiv nicht unnötig weit aus. Es geht nur darum, sanft Wärme auf die Kamera zu geben, damit das Kondenswasser verschwindet, ohne dabei Staub ins Innere zu pusten.
Licht formen mit Methode: Der ISO-Trick für cineastische Tiefe
In der Fashion Fotografie, gerade wenn wir on Location blitzen, ist der Hintergrund genauso wichtig wie das Model selbst. Der Schatten erzählt die Geschichte, das Licht lenkt den Blick. Ich verlasse mich bei solchen Shootings gerne auf TTL (Through The Lens) bei meinem Blitz. Der Blitz misst, wie viel Licht Sarathustra braucht, und ich kann mich vollkommen auf die Bildkomposition und die Stimmung konzentrieren.
Im Video zeige ich euch einen meiner absoluten Lieblingstricks, wie man mit Licht und Kameraeinstellungen die komplette Atmosphäre des Bildes drehen kann. Wir haben zwei völlig unterschiedliche Looks kreiert, ohne den Blitz oder das Model großartig zu bewegen. Wie? Einfach über die ISO-Zahl!
Ich nehme die ISO ganz brutal auf ISO 1000, das heißt Achtung: der Hintergrund wird jetzt richtig hell. Ich stelle Sarathustras Kopf praktisch genau hinter den hellen Bereichen. Der Kopf hebt sich total vom Hintergrund ab.
Wenn ich die ISO hochschraube, saugt der Sensor das Umgebungslicht des Dschungels auf. Es wirkt weich, hell, fast schon wie bei einer echten englischen Lady auf Tropenreise. Aber was passiert, wenn wir die Szene dramatischer, dunkler, geheimnisvoller machen wollen?
Ich nehme die ISO und zieh die richtig nach unten, ISO 64. Jetzt muss der Blitz natürlich viel mehr arbeiten, der Hintergrund ist viel dunkler. Damit kann ich ganz einfach mit TTL und mit den reinen ISO-Zahlen einen ganz anderen Effekt erzielen. Stell dir vor, du bist jetzt in einer Abendbrise!
Das ist die wahre Magie der Fotografie. Ihr steuert, ob euer Bild eine flirrende Mittagshitze oder das tiefe Mysterium des schwindenden Tages ausstrahlt. Probiert es aus: Nutzt die Abbildungsleistung eures Blitzes für das Model und steuert den Hintergrund rein über die Lichtempfindlichkeit und Verschlusszeit eurer Kamera.
Storytelling und Teamwork: Wenn das Model die Vision mitbringt
Was nützt das beste Licht, wenn die Geschichte im Bild fehlt? Ein Fotoshooting ist niemals ein Monolog, es ist immer ein Dialog zwischen Fotograf und Model. Und Sarathustra von Lichtenstein ist eine Meisterin darin, Charaktere zu erschaffen.
Schaut euch diese Wahnsinns-Schuhe im Video an. Also ernsthaft, den Absatz muss man erstmal balancieren! Ich würde darin definitiv keinen 100-Meter-Lauf machen wollen. Dazu das Korsett und die passende Strumpfhose – das komplette Outfit erzählt eine Geschichte von Kontrasten. Haute Couture trifft auf wilde Natur. Perfekt!
Ich liebe es, mit Modellen zu arbeiten, die eine genaue Idee haben von dem Shooting, die genau wissen, was sie umsetzen wollen. In dem Fall war die Idee wieder von Sarathustra, nicht von mir. Redet mit euren Modellen, das ist immer gut!
Wenn ihr shootet, gebt euren Modellen nicht nur stupide Anweisungen wie »Kinn hoch, schau nach links«. Gebt ihnen Emotionen! Ich sage dann Dinge wie: »Stell dir vor, du bist auf einem Laufsteg und willst den Leuten zeigen, wie toll diese Schuhe aussehen«, oder »Du bist am Transpirieren, spür die Tropen, genieß den Geruch von frischen Pflanzen.« Das verändert die Mikroausdrücke im Gesicht sofort. Die Fotos werden lebendig.
Die Poesie des Available Light: Wenn das Tageslicht übernimmt
Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich es liebe, on Location zu blitzen. Aber als wir im Tropenhaus die Position gewechselt haben, passierte etwas Wunderbares. Das natürliche Licht, das durch die Glasdächer brach, war so dermaßen klasse, dass sogar ich den Schalter am Blitz auf »Off« gestellt habe.
Die Bedingungen: 1/125 Sekunde, Blende 2.8, ISO 800. Das Resultat? Völlig anders als die harten Blitzbilder davor. Weicher, traumhafter, absolut organisch. Sarathustra posierte mitten in der Botanik, interagierte mit Blumen und großen Blättern. Um dieses Gefühl der »grünen Hölle« einzufangen, arbeite ich extrem gerne mit langen Brennweiten.
Vordergrund macht Bild gesund (oder: Wie man Tiefe erzeugt)
Bei den Available-Light-Aufnahmen habe ich das Setup mehrfach geändert. Mit 70mm komprimiere ich den Hintergrund. Alles Störende verschwindet in einer wunderschönen, unscharfen grünen Leinwand hinter dem Model.
Gehe ich jedoch auf 35mm (Weitwinkel), möchte ich die Umgebung mit einbeziehen. Hier kommt der alte Fotografen-Spruch zum Tragen: Vordergrund macht Bild gesund. Ich habe mir ganz gezielt Pflanzen gesucht, die unten links in der Ecke des Bildes auftauchen. Wenn man dann noch ein Blatt direkt seitlich neben dem Model positioniert (aber Achtung: so, dass es das Gesicht nicht verdeckt!), bekommt das Bild eine raumgreifende, dreidimensionale Tiefe. Der Betrachter fühlt sich, als würde er selbst durch das Gebüsch spähen.
Fazit: Geht raus und sucht euch eure eigenen Tropen!
Mich hat das Shooting absolut begeistert. Aus einer simplen Idee – Fashion und High Heels im Tropenhaus des Grugaparks – ist eine ganze Serie von fantastischen, cineastischen Bildern entstanden. Ob mit TTL-Blitztechnik für den harten, isolierten Look, ob mit der ISO-Zahl spielend für die Dramaturgie, oder ganz sanft mit purem Available Light: Die Werkzeuge sind da, ihr müsst sie nur nutzen, um eure eigene Story zu malen.
Wenn ihr jetzt richtig Lust bekommen habt, euch die Ergebnisse und das genaue Setup in Aktion anzuschauen, scrollt nach oben und klickt auf Play! Schreibt mir unbedingt unten in die Kommentare, welches Licht-Setup euch besser gefallen hat: Die dramatischen Blitz-Portraits oder die traumhaften Natural-Light-Aufnahmen zwischen den großen Blättern?
Wir machen an dieser Stelle im Video übrigens einen kleinen Cut, denn das Shooting war noch lange nicht vorbei. Nächste Woche geht es weiter – dann wechseln wir das Outfit und wagen uns zu den Kakteen! Also, lasst gerne ein Abo da, dann seht ihr immer direkt, was ich und meine großartigen Modelle so fabrizieren.
Ich freue mich auf euch. Bleibt kreativ, sucht das Licht (und manchmal auch die Schatten).
Bis nächste Woche,
Euer Ortwin
