Game of Thrones gepaart mit Cyberpunk – Willkommen auf der Halde Haniel
Hallo und willkommen zurück, schön, dass ihr wieder dabei seid! Ich nehme euch heute mit zu einem Fotoshooting, das mir noch tagelang in den Knochen – aber vor allem im Kopf – geblieben ist. Stellt euch vor: Ein epischer Sonnenuntergang, eine karge, raue Mondlandschaft hoch über dem Ruhrgebiet und mittendrin ein Look, der irgendwo zwischen dem düsteren Mittelalter von Game of Thrones und einer dreckigen Cyberpunk-Zukunft angesiedelt ist.
Die Location für diese Vision? Die Halde Haniel. Ein faszinierender Ort für Urban- und Peoplefotografie, aber auch einer, der dir einiges abverlangt, bevor du überhaupt den Auslöser drücken kannst. Als Model hatte ich diesmal wieder die wunderbare Zarathustra von Lichtenstein vor der Linse, und als unersetzlichen Helfer Andreas Zabel an meiner Seite. Schnallt euch an, wir tauchen ein in ein Spiel aus Licht, Wind und dramatischen Schatten.
Der Wettlauf gegen die Sonne: Wenn die Location alles fordert
Licht wartet nicht. Wenn du ein Sonnenuntergang-Shooting planst, gibt die Natur den Takt vor – und der ist unerbittlich. Wir wussten, welches Licht wir einfangen wollten, also mussten wir pünktlich oben sein. Wer schon mal auf der Halde Haniel war, weiß: Der Weg dorthin ist kein Sonntagsspaziergang. Mit dem ganzen Equipment auf dem Rücken wird der Aufstieg schnell zum Cardio-Workout.
„Wir haben ein Sonnenuntergang-Shooting geplant, deshalb haben wir uns ein bisschen beeilt, hier hochzukommen. Die Wege waren echt ein bisschen anstrengend, ich kam echt gut aus der Puste – aber egal!“
Aber genau das macht Outdoor-Fotografie so lebendig. Du bist nicht im sterilen Studio, wo du jeden Parameter zu 100 Prozent kontrollierst. Du bist draußen, du spürst den Wind, du ringst um Luft, und genau diese Energie fließt am Ende in die Bilder ein. Authentizität entsteht nicht, wenn alles leicht ist. Sie entsteht, wenn du dich den Elementen stellst.
Wind, Schwerkraft und mein Licht-Setup
Hier oben auf der Halde weht fast immer ein ordentlicher Wind. Ein normales Lichtstativ mit einem schweren Blitzkopf und einem großen Lichtformer obendrauf? Das ist im Grunde ein Segel, das nur darauf wartet, umzukippen. Und kaputtes Equipment ist der größte Feind jeder kreativen Session.
Deshalb setze ich hier auf Konzeption statt auf Risiko. Ich benutze für solche Shootings meinen Godox AD600. Aber anstatt den schweren Akku-Blitzkopf oben auf das Stativ zu wuchten, nutze ich ein Verlängerungskabel (Extension Head). Den schweren Akku befestige ich mit einer Super Clamp ganz unten am Stativ. Oben auf dem Stativ sitzt nur der federleichte Blitzkopf. Zusammen mit meiner schweren Kameratasche, die ich zusätzlich ans Stativ hänge, schaffen wir einen extrem niedrigen Schwerpunkt.
Warum erzähle ich euch das? Nicht, weil ich Technik über alles liebe. Sondern weil Technik nur dazu da ist, uns den Rücken freizuhalten. Wenn ich ständig Angst haben muss, dass mein Licht umkippt, kann ich mich nicht auf die Geschichte konzentrieren, die Zarathustra und ich erzählen wollen. Technik muss unsichtbar werden, damit das Gefühl in den Vordergrund treten kann.
Lichtphilosophie: Die Sonne als Kante, der Schatten als Geschichtenerzähler
Kommen wir zum Herzstück dieses Shootings: dem Licht. In der cinematischen Bildsprache geht es selten darum, einfach alles hell zu machen. Es geht darum, Volumen zu schaffen. Die Welt ist dreidimensional, ein Foto ist flach. Wie bekommen wir die Tiefe zurück ins Bild? Durch den bewussten Einsatz von Gegenlicht und Schatten.
Unser Setting war klar: Die untergehende Sonne steht hinter Zarathustra. Sie fungiert als unser „Kopflicht“ oder „Rim Light“ (Kantenlicht). Sie fräst sanft eine goldene Kontur in ihr absolut irre aussehendes Kleid und trennt sie plastisch vom rauen Hintergrund der Halde. Der direkte Blitz von vorne füllt die Schatten gerade so weit auf, dass wir Details erkennen, ohne die düstere Cyberpunk-GOT-Atmosphäre zu zerstören.
„Das sagen wir mal so: Es kann natürlich auch nicht klappen, ne? Nur weil Aufwand da ist, heißt das nicht, dass es auch klappt.“
Genau das ist das ständige Risiko, das wir Fotografen eingehen. Du hast die Idee im Kopf, das Setup steht, die Location ist da, das Outfit sitzt – und dann musst du schauen, ob die Realität mit deiner Vision übereinstimmt. Manchmal scheitert man, aber an diesem Abend auf der Halde hat einfach alles gepasst. Die Magie passierte, als wir anfingen, mit der Belichtung zu spielen.
Zwischen dramatischer Ausleuchtung und Silhouette
Ein Fehler, den viele (gerade am Anfang) machen: Sie belichten das Gesicht des Models perfekt aus, sodass es fast wie am hellichten Tag aussieht, vergessen dabei aber völlig den Hintergrund. Das Bild verliert seine Stimmung.
Schaut euch im Video unbedingt an, wie ich die Stimmung durch gezielte Unterbelichtung steuere. Ich fotografiere viel im TTL-Modus des Blitzes, greife aber massiv korrigierend ein. Ich habe mich durch verschiedene Belichtungsstufen gearbeitet, um die Schatten sprechen zu lassen.
„Ich blende euch gerade mal so ein Bild ein mit TTL -0,7 und jetzt blende ich euch gerade mal ein Bild ein mit TTL -2. Das sind zwei Blendenstufen unterbelichtet und ich finde die Silhouette von Zarathustra absolut toll.“
Versteht ihr, was ich meine? Wenn wir das Licht von vorne um zwei ganze Blendenstufen reduzieren (-2 EV), wird das Model fast zur kompletten Silhouette. Das Kleid von Zarathustra – ohnehin schon ein absoluter Hingucker mit wahnsinnig vielen Details – wirkt plötzlich wie eine düstere Rüstung aus einer anderen Welt. Es bleibt nur noch die Form, der Schatten, durchbrochen vom goldenen Abendlicht. Eine Silhouette zwingt den Betrachter, seine eigene Fantasie einzuschalten. Wir zeigen nicht alles, wir deuten an. Und das ist oft viel mächtiger als ein komplett ausgeleuchtetes Porträt.
Fazit: Mut zur Dramatik und zur Anstrengung
Hat es sich gelohnt, den ganzen Berg mit dem Equipment hinaufzukraxeln? Definitiv. Das Kleid war absolut irre, die Location war unglaublich und die Bilder, die wir mit nach Hause nehmen durften, sind einfach der Hammer. Das Zusammentreffen dieses apokalyptischen Game-of-Thrones-Looks mit der surrealen Cyberpunk-Stimmung der Halde, gekrönt von einem feurigen Sonnenuntergang – das sind die Momente, für die ich die Fotografie so liebe.
Was könnt ihr aus diesem Shooting für eure eigene Peoplefotografie mitnehmen?
- Habt keine Angst vor dem Schatten: Zieht die Belichtung ruhig mal etwas herunter. Lasst das Gegenlicht wirken und nutzt den Blitz nur subtil. Weniger ist hier oft viel, viel mehr.
- Sichert euer Licht: Der schönste Sonnenuntergang nützt euch nichts, wenn ihr euren Blitz festhalten müsst. Verlagert das Gewicht an den Boden eures Stativs.
- Der Aufwand lohnt sich: Verlasst eure Komfortzone. Scoutet verrückte Locations, nehmt den anstrengenden Weg. Die Location ist der unsichtbare dritte Protagonist in eurem Bild.
Schaut euch das Video oben an, um den ganzen Prozess, die genauen Posen, den Kampf mit dem Wind und natürlich die finalen Bilder in voller Pracht zu sehen. Ich verlinke euch im Video auch mein erstes Shooting auf der Halde – da ging es noch deutlich furioser zu, reinschauen lohnt sich also doppelt!
Wie üblich gilt: Wenn ihr Fragen zur Lichtsetzung, zum Equipment oder zu den Einstellungen habt, schreibt sie mir in die Kommentare. Lasst uns austauschen. Ich hoffe sehr, es hat euch gefallen. Geht raus, spielt mit dem Licht und erzählt eure eigenen Geschichten in den Schatten.
Bis nächste Woche, bleibt kreativ und tschüss!
