Willkommen im Matsch: Eine Portrait-Idee der etwas anderen Art

Hallo Freunde der Fotografie! Ich nehme euch heute mal wieder mit nach draußen. Und ich sage es direkt vorab: Entschuldigt bitte den schlechten Ton im Video oben – ich habe in der Aufregung tatsächlich meine Funkmikrofone vergessen. Aber manchmal sind es genau diese unperfekten Starts, die zu den spannendsten Ergebnissen führen.

Stellt euch folgende Szene vor: Wir sind rund 50 Kilometer von meinem gemütlichen Studio entfernt, stehen knietief im Matsch an einem Rapsfeld, der Wind pfeift uns um die Ohren und das Wetter weiß absolut nicht, was es will. Mal haben wir dunkle, dramatische Wolken, im nächsten Moment knallt die Sonne durch. Genau hier, mitten im Nirgendwo, wollte ich eine Idee umsetzen, die mir schon länger im Kopf herumspukte: Ein Shooting komplett Ton in Ton. Gelb in Gelb in Gelb.

Mein Model Sandra saß anfangs noch bibbernd in ihrem Auto, um sich aufzuwärmen – das gelbe Make-up saß bereits perfekt. Und ich? Ich habe mein halbes Studio ins Feld geschleppt.

Die Vision: Gelber Lack, fliegende Stoffe und eine Leiter im Raps

Warum eigentlich alles in Gelb? In der Portraitfotografie arbeite ich wahnsinnig gerne mit Kontrasten, nicht nur im Licht, sondern auch in den Farben. Wenn man aber bewusst eine Farbe dominiert, in diesem Fall das intensive Leuchten des Rapsfeldes, und das Model durch Kleidung und Make-up damit verschmelzen lässt, entsteht eine fast schon surreale, cinematische Bildsprache.

Sandra trug einen gelben Regenmantel aus Lack und Latex. Lasst euch das auf der Zunge zergehen: Ein Material, das Licht aufsaugt und gleichzeitig Kanten formt. Es reflektiert das Blitzlicht auf eine ganz eigene, fast schon aggressive Art, die wunderbar mit dem weichen, organischen Raps kontrastiert.

Damit sie nicht einfach nur plump im Feld steht, hatten wir eine große Leiter im Gepäck. Ich wollte sie über das Feld hinausheben, sie in den Himmel ragen lassen. Die Leiter haben abenteuerlich mit gelben Tüchern umwickelt, um sie zu tarnen, und Sandra hat im Wind weitere gelbe Stoffe wehen lassen.

Also Leute, wenn ihr verrückte Ideen mit Photoshootings habt: Seid nicht zu feige! Fragt eure Modelle, und meistens machen sie mit.

Vor dem ersten Klick: Location Scout und Respekt vor der Natur

Eine Sache liegt mir bei solchen Outdoor-Shootings immer besonders am Herzen, und das betone ich auch im Video: Wenn wir in der Natur fotografieren, zerstören wir sie nicht. Bei der Wahl des Rapsfeldes bin ich extra lange herumgefahren, bis ich eine Stelle gefunden habe, wo bereits eine breite Traktorspur ins Feld führte. So mussten wir keine einzige Rapspflanze abknicken oder kaputt trampeln.

Man stellt die Leiter und das Stativ natürlich genau in diese Lücken. Und ja, den Bauern zu fragen, ist eine Selbstverständlichkeit. Wenn wir Fotografen uns benehmen, anstatt wie eine Horde wilder Tiere durch die Ernte zu walzen, dürfen wir auch wiederkommen.

Der Preis für diese rücksichtsvolle Positionierung? Tiefer, feuchter Matsch. Meine Schuhe waren hinüber, Sandras Jeans war nasskalt – aber ganz ehrlich: Das stört in dem Moment überhaupt nicht. Es geht um das Bild.

Licht ist Emotion: Warum ich Outdoor plötzlich TTL liebe

Kommen wir zur Technik, oder besser gesagt, zur Licht-Philosophie dieses Shootings. Wir hatten ein unberechenbares Wetter. Bewölkt, dann wieder knallige Sonne. Mein Assistent Uwe fungierte als menschliches Lampenstativ und hielt den Godox AD600 mit einem Normalreflektor tapfer in den Wind.

Um die Leiter, den Blitz und das ganze Equipment im starken Wind zu sichern, habe ich übrigens einfach 2,5-Kilo-Hantelscheiben zweckentfremdet. Sie sind billiger als Sandsäcke und fliegen garantiert nicht weg!

Viele Fotografen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie hören, dass ich beim Blitzen TTL (Through The Lens – also die Automatik des Blitzes) benutze. Normalerweise bin ich auch ein Verfechter des komplett manuellen Einstellens. Aber an diesem Tag?

Normalerweise würden viele Leute sagen: TTL, das ist ja schrecklich, da ändert die Kamera ja andauernd mit dem Blitz zusammen die Einstellung. Genau das ist der Sinn der Sache! Vor allen Dingen, da die Umgebung hier genau das Gleiche tut, nämlich ständig die Lichtverhältnisse ändert.

Ich sage der Kamera einfach, wie ich das Lichtverhältnis ungefähr haben will – zum Beispiel durch eine Blitzbelichtungskorrektur auf -0,3 oder 0. Den Rest sollen Kamera und Blitz gefälligst unter sich ausmachen. So kann ich mich vollkommen auf Sandra, auf den Wind, auf das wehende Tuch und den Bildausschnitt konzentrieren. Das ist für mich Fotografie: Der Kopf muss frei sein für die Geschichte, die Technik ordnet sich unter.

Perspektivenwechsel: Von der Nikon Z7II zur ZF

Mitten im Shooting habe ich dann die Kamera gewechselt. Ich legte die Z7II zur Seite und griff zur Nikon ZF mit dem 24-120mm F4 Objektiv. Warum? Weil Brennweite nicht nur den Ausschnitt verändert, sondern die komplette räumliche Wirkung eines Bildes.

Durch die längere Brennweite holte ich das Feld im Hintergrund optisch näher an Sandra heran. Diese Kompression macht den Unterschied zwischen einem „normalen“ Portrait und einem cinematischen Look aus. Plötzlich wirkt der Hintergrund viel dichter, das Gelb noch intensiver, und Sandra steht kompositorisch direkt im Zentrum dieser Farbexplosion. Dann noch mit einer 1/80 Sekunde und Blende f/5.6 oder sogar f/7.1 das Umgebungslicht etwas abdunkeln – und BAM! Der Blitz schält sie förmlich aus dem dunklen Hintergrund heraus.

Ein Team, ein Chaos, ein großartiges Ergebnis

Ich war nicht allein da draußen. Ohne mein Team wäre so etwas kaum machbar. Uwe, der gegen den Wind ankämpfte, um das Licht aus der perfekten Richtung kommen zu lassen („Uwe, noch ein bisschen nach rechts, super!“). Und Thomas, der mit meiner Mavic 4 Drohne um uns herumkreiste, um die Making-of-Aufnahmen aus der Vogelperspektive einzufangen. Durch die Drohnen-Aufnahmen im Video seht ihr erst richtig, was für ein surrealer Aufbau das mitten im Nichts eigentlich war.

Und natürlich Sandra. Ich kam zu diesem Shooting satte 50 Minuten zu spät. Gott sei Dank hat sie im Auto gewartet. Wenn ein Model dann bei Kälte, Wind und Nässe auf eine wackelige Leiter klettert und mit gelbem Latex im Wind posiert – das ist Hingabe pur.

Das war jetzt ein matschiges, kaltes, windiges, verrücktes, sonniges und von der Inszenierung her einfach komplett aus dem Ruder gelaufenes Shooting.

Fazit: Geht raus und macht euch dreckig!

Was könnt ihr aus diesem Rapsfeld-Abenteuer für eure eigene Fotografie mitnehmen?

  • Habt Mut zur Farbe: Monochromatische Konzepte (alles in einer Farbe) erzeugen sofort Spannung und wirken extrem künstlerisch.
  • Lasst die Technik los: Wenn sich das Wetter minütlich ändert, nutzt Automatismen wie TTL. Eure Konzentration gehört dem Motiv, nicht dem Menü eures Blitzgeräts.
  • Requisiten sind alles: Tücher im Wind, eine absurde Leiter im Feld – das bringt Dynamik und eine Story ins Bild, die man aus dem reinen Stehen vor der Kamera nicht bekommt.
  • Respektiert eure Locations: Findet Wege, die Natur als Bühne zu nutzen, ohne sie zu verletzen.

Wenn ihr hautnah miterleben wollt, wie der Wind das gelbe Tuch erfasst, wie der Blitz gegen die dunklen Wolken feuert und wie verrückt das alles von oben aussieht, dann schaut euch unbedingt das Video oben an. Hört nicht auf das Piepsen meines Blitzes (ich weiß bis heute nicht, was er mir sagen wollte), sondern achtet auf die Stimmung, das Licht und die Energie.

Habt ihr schon mal ähnlich verrückte Ideen umgesetzt? Standet ihr schon mal mit Hantelscheiben im Matsch, um eure Blitze zu sichern? Schreibt es mir unten in die Kommentare drüben bei YouTube. Ich freue mich über eure Geschichten!

Und jetzt? Gehen wir uns erstmal wieder auftauen. Bis zum nächsten Mal, euer Ortwin!

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