Willkommen im Overflow: Warum Chongqing alles auf den Kopf stellt

Ich nehme euch heute mit an einen Ort, der mein fotografisches Verständnis von Raum und Licht komplett auf die Probe gestellt hat. Stellt euch vor, ihr geht durch eine ganz normale Straße, dreht euch um, und plötzlich steht ihr nicht im Erdgeschoss, sondern im sechzehnten Stock. Willkommen in Chongqing. Man nennt sie die 8D-City, und Leute, das ist nicht nur so ein Marketing-Gag für Touristen – das ist die absolute Realität.

In diesem Video und an unserem inzwischen dritten Tag hier in dieser unfassbaren Metropole spüren wir, was es heißt, echte Urban Photography zu betreiben. Es ist kein ruhiger Spaziergang. Es ist laut, es ist brütend heiß, und überall blinkt es. Fotografisch ist das ein absolutes Wonderland, aber es fordert dir auch alles ab. Schaut mal, wir sprechen hier von einem puren, ungefilterten Sinneswandel. Keine Sperrstunde wie in Shanghai, sondern pulsierendes Leben – Licht, Schatten, Neonröhren und Menschenmassen, die ununterbrochen strömen.

Fotografieren am Limit: 35 Grad, 23.000 Schritte und Kameras, die glühen

Lasst mich euch ehrlich sagen, wie Streets und Urban Photography wirklich aussehen, wenn man nicht gerade die perfekten Katalogbilder faken will. Man schwitzt. Man läuft sich die Sohlen ab. Wir waren an diesem Tag von 10 Uhr morgens bis nachts um 1 Uhr unterwegs. Fast 18 Kilometer, über 23.000 Schritte bei brutalen 35 Grad im Schatten. Aber die körperliche Erschöpfung ist nur die eine Seite der Medaille. Die viel größere Herausforderung war das Licht.

„Fotografisch war das eine absolute Herausforderung, weil die Drehräder an den Kameras haben echt geglüht. Wir haben ständig immer umstellen müssen […]. Härtestes Licht, danach wieder irgendwie kein Licht in die Geschäfte rein, raus. Also, wir waren nur am Einstellen.“

Wenn das Licht die Regie übernimmt

Genau das ist es, was Street Photography ausmacht. Das Licht wartet nicht auf dich. Du hast harte, grelle Sonneneinstrahlung auf den Treppen der Altstadt und im nächsten Moment tauchst du in eine tiefe, dunkle Gasse ab, in der das Licht komplett geschluckt wird. Als Fotograf musst du das Licht fühlen, nicht nur berechnen. Du musst blitzschnell entscheiden: Möchte ich die harten Schatten nutzen, um mein Motiv zu isolieren? Oder ziehe ich die Belichtung hoch, um die Details in den schummrigen Gassen einzufangen? In Chongqing hast du oft nur einen Wimpernschlag Zeit, um diese Entscheidung zu treffen.

Zwischen Tankstellen im 6. Stock und Notausgängen

Dieses ständige Auf und Ab prägt das Stadtbild und unsere Location-Suche. Wir haben an diesem Tag versucht, einen ganz bestimmten Spot zu finden, um ein Bild zu machen. Sandra und ich standen vor einem Parkhaus und haben nicht schlecht gestaunt.

„Da ist eine Tankstelle oben im sechsten Stock und eine Tankstelle unten […]. Wir sind jetzt in einem Fahrstuhl eingestiegen, in einem Gebäude ganz nach unten gefahren und suchen jetzt gerade den Ausgang, weil wir kamen oben über die Brücken und sowas nicht weiter.“

Das ist das verrückte an dieser 8D-City. Du schaust auf dein Navi, es sagt dir, du bist am Ziel, aber du bist schlanke sechs Etagen zu hoch. Es ist ein dreidimensionales Labyrinth. Wir irrten durch fensterlose Gänge, suchten einen Ausgang und achteten penibel darauf, bloß keine verriegelten Notausgänge mit roten Warnlampen aufzustoßen. Ein chinesisches Gefängnis stand definitiv nicht auf unserer Bucket-List für diese Fotoreise.

18 Steps: Wo sich alt und neu berühren

Ein absolutes Highlight unseres Tages war der Bereich der „18 Stufen“ (18 Steps). Das ist ein alter Stadtteil – beziehungsweise ein auf alt gemachter Stadtteil –, der aus 18 verschiedenen Ebenen besteht, die alle durch Treppen verbunden sind. Hier entsteht diese cinematische Bildsprache fast von ganz allein.

Wenn es dämmert und die Nacht hereinbricht, gehen überall diese kleinen Lichter an. Im Hintergrund ragen gigantische, moderne Hochhäuser in den Himmel, die ebenfalls leuchten. Du stehst auf diesen alten Holztreppen, die von kleinen Laternen beleuchtet werden, und direkt hinter den geschwungenen Dächern bricht die Zukunft durch die Wolken. Das ist surreal. Das ist Storytelling pur.

„Das Schöne hier ist, wenn man einmal ein Foto gemacht hat, schauen die ganzen Einheimischen, was man fotografiert hat und wiederholen es auch. Aber oftmals sind die Winkel, die man hier selber zu der Aufnahme hat, Dinge, die die Chinesen gar nicht mehr sehen, weil für die ist es ganz normal und für mich ist es einfach nur Wonderland.“

Als Fotografen haben wir eine Gabe: Wir sehen das Besondere im Alltäglichen. Für die Menschen vor Ort ist das ihr Arbeitsweg. Für uns ist es eine dramatische Szene aus einem Ridley-Scott-Film. Ich suche bei solchen Spots nicht das klassische Touristenbild. Ich suche den Moment, wo das Neonlicht auf das Gesicht eines Passanten fällt. Die Reflexion in einer Pfütze, die Linienführung der alten Treppenstufen, die den Blick in die moderne Stadt ziehen.

Touristenfallen, Hühnerfüße und das echte Leben

Aber Fotografie auf Reisen bedeutet auch, das echte Leben dort zu atmen und zu schmecken. Ich habe euch ja am Anfang des Videos erzählt, wie wir in eine absolute Touristenfalle bei der Hongya Cave getappt sind, als wir Hotpot essen waren. Woran man das erkennt? Sie haben ein englisches Menü, Leute. So simpel ist das. Es war trotzdem extrem lecker, auch wenn uns das halbscharfe Essen schon fast den Verstand geraubt hätte.

Und dann gab es da noch dieses Erlebnis auf der Straße: Gekochte, knochenlose Hühnerfüße aus so einer seltsamen Flüssigkeit. Wenn nicht hier, wann dann?, dachte ich mir. Tja, sagen wir mal so: Ich warte lieber, bis ich sie irgendwo gegrillt und ordentlich gewürzt finde. Manche Erfahrungen macht man eben nur einmal. Aber genau diese Dinge – das Essen, die Gerüche, das Scheitern, das Suchen – all das fließt doch in eure Bilder mit ein. Ihr fotografiert nicht nur, was ihr seht, ihr fotografiert unweigerlich das, was ihr gerade fühlt und erlebt.

Reizüberflutung im Einkaufszentrum

Am Ende des Abends sind wir noch durch ganz normale Kaufhäuser gelaufen. Und selbst dort gab es für mich nur noch eine Beschreibung:

„Overflow. Absoluter Overflow. Die Neonröhren, dann die Tänzer da und wir sind in einem ganz normalen Kaufhaus […]. Chongqing 8D City, die haben recht. Ich dachte, die haben einfach übertrieben.“

  • Mitten im Einkaufszentrum tanzende Gruppen.
  • Unfassbare Leuchtreklamen, die alles in ein magentafarbenes Licht tauchen.
  • Menschenmassen, die an Verlosungen teilnehmen.

Das Licht dort drinnen ist so künstlich, aber genau deshalb so spannend. Es wirft keine natürlichen Schatten mehr, alles ist eine Farbfläche. Als Fotograf musst du dich hier entscheiden, einfach loszulassen und mit dem Rhythmus der Lichter zu spielen.

Fazit: Begleitet mich ins Wonderland

Das war ein Tag, der mich physisch und fotografisch komplett ausgesaugt hat. Abend für Abend sitze ich um 4 Uhr nachts da, sichere Daten – aktuell sind wir bei über 10.000 Dateien – und denke mir: Wow. Genau dafür mache ich das. Genau deshalb liebe ich die Street- und Urban-Fotografie.

Es geht nicht um die perfekte Blende oder ob mein Objektiv schärfer ist als deins. Es geht darum, rauszugehen, sich zu verirren, Treppen zu steigen, das harte Licht auf den Straßen abzubekommen und aus dem Chaos ein Bild zu komponieren, das eine Geschichte erzählt.

Schaut euch das Video oben unbedingt an. Lasst die Bilder, die Neonlichter und die unfassbare Architektur von Chongqing auf euch wirken. Begleitet uns durch die engen Gassen, seht den Schweiß, das Lachen und diesen puren Reizüberfluss.

Lasst mich gerne in den YouTube-Kommentaren wissen: Wärt ihr bei den Hühnerfüßen mutiger gewesen als ich? Und wie geht ihr mit extremen Lichtwechseln beim Fotografieren auf Reisen um?

Ich freue mich auf den Austausch mit euch. Bleibt kreativ, sucht das besondere Licht und geht raus auf die Straße!

Euer Ortwin

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