Willkommen im absoluten Wahnsinn: Chongqing

Ich nehme euch heute mit an einen Ort, der mich buchstäblich umgehauen hat. Nach einer entspannten zwölfstündigen Zugfahrt von Shanghai sind wir in Chongqing angekommen. Und ich sage euch: Vergesst alles, was ihr über chinesische Großstädte zu wissen glaubt. Shanghai war entspannt, fast schon westlich strukturiert. Chongqing? Chongqing ist ein Biest. Ein faszinierendes, lautes, wildes Biest.

Schon die ersten Minuten in dieser Stadt gaben den Rhythmus vor. Unsere Kreditkarten? Wurden von den Automaten ausgelacht. Unser Bargeld? Wollte die U-Bahn-Station auch nicht haben. Aber genau hier zeigte sich das wahre Gesicht Chinas: Ein völlig fremder, freundlicher Student kaufte uns ungefragt unsere Tickets und drückte sie uns in die Hand. Einfach so. Und das war nur der Anfang unserer kleinen Odyssee.

„Die Navis versagten, weil hier die Höhenunterschiede und die GPS-Signale nicht so hinkommen sollten, wie sie hinkommen sollten. Treppe rauf, Treppe runter, alles schmal, alles eng.“

Stadt der tausend Ebenen: Fotografieren im M.C. Escher-Gemälde

Wenn ihr mich fragt, wie man sich diese Stadt fotografisch erarbeiten soll, muss ich echt tief durchatmen. Mein Orientierungssinn ist normalerweise verdammt gut, aber hier war ich komplett verloren. Du stehst auf einem Platz, schaust nach oben und siehst Straßen. Du schaust nach unten und siehst wieder Straßen.

„Die Stadt erinnert tatsächlich total an Escher. Ich habe keine Ahnung, wie man das am dümmsten fotografiert, weil die Treppen überall verwinkelt, verbaut, rechts, links, oben, unten gehen und das so gar nicht das ist, was ich normalerweise mache.“

Wir Fotografen suchen ja immer nach Linien, nach Führungselementen. In Chongqing kreuzen sich diese Linien in einer Art und Weise, die dein Gehirn sprengt. Es ist das pure Cyberpunk-Feeling. Alte, rohe, verwinkelte Gassen, und direkt daneben schießt ein Wolkenkratzer durch den Dunst in den Himmel.

Welche Brennweite für den Cyberpunk?

Im Video spreche ich es kurz an: Wenn mich jemand fragt, welches Objektiv er für Chongqing einpacken soll, ist meine ehrliche Antwort: von 1 Millimeter bis 1000 Millimeter. Du stehst in endlos engen Gassen, wo selbst ein Superweitwinkel noch an seine Grenzen stößt. Und im nächsten Moment blickst du über das gigantische Flussbett des Jangtsekiang und wünschst dir ein krasses Teleobjektiv, um die Details aus der Skyline zu schneiden.

Für mich persönlich? Ich bin da pragmatisch und ja, auch ein bisschen faul. Ich ziehe mit meinem 18-300mm Objektiv los. Technische Perfektion und das letzte Quäntchen Randschärfe sind mir hier völlig egal. Es geht um die Emotion. Es geht darum, im richtigen Moment den Auslöser zu drücken, wenn das Licht diffus durch den ständigen Nebel und Smog bricht. Der Dunst schluckt fast alle Farben, er wirkt wie ein riesiger, natürlicher Diffusor. Das gibt den Bildern diesen unfassbar cinematischen Look, als wärst du direkt am Set von Blade Runner.

Licht und Schatten unter den Brücken von Chongqing

Ein absolutes Highlight war unser Weg hinunter an den Jangtse. Da stehst du am Fuße gigantischer Brückenpfeiler. Es ist düster, es ist schmutzig, es ist roh. Keine Postkartenidylle für den klassischen Touri-Katalog, aber für uns Fotografen ist das ein Paradies. Hier kannst du mit dem fehlenden Licht spielen. Die Schatten erzählen dort unten Geschichten von harten Kontrasten und einer Erde, die halb kaputt, aber gleichzeitig wahnsinnig lebendig wirkt.

Es sind genau diese Gegensätze, die Street Photography so spannend machen. Oben die grellen Neonlichter der modernen Megacity, unten die dunklen, feuchten Betonklötze am bräunlichen Fluss. Wenn ihr jemals dorthin fahrt: Geht an die Orte, die nicht sofort schön aussehen. Dort verstecken sich die echten Bilder.

Von explosiven Dreckskerlen und zähem Hühnerfuß

Aber Fotografie ist ja nicht alles. Wer reist, muss sich auch der Kultur hingeben – und vor allem dem Essen! Wir haben uns in kulinarische Abenteuer gestürzt, bei denen selbst die Google Translator App nur noch verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hat. Wir haben Getränke bestellt, die in der groben Übersetzung „Explosiver verprügelter Dreckskerl Zitronenrot“ oder beschaulich „Entenkot“ hießen. Und wisst ihr was? Es hat fantastisch geschmeckt!

Und dann war da unser erster echter Hotpot. Wenn sie dich in Chongqing fragen, wie scharf du es willst, sei vorsichtig mit deinen Wünschen. Wir haben „Stufe 2 von 4“ gewählt.

„Ich habe eine Chili gekriegt. Wenn das halb scharf ist, will ich nicht wissen, was scharf wird!“

Während Uwe sich heldenhaft die knochenlosen Hühnerfüße direkt in der kochenden Szechuan-Hölle zubereitete, war unser Fazit zu den gekochten Exemplaren eher… durchwachsen. Es schmeckte nach wild gewordenem, tierischem Weingummi. Aber so ist das auf Reisen: Du musst die Komfortzone verlassen – nicht nur hinter der Kamera, sondern auch beim Abendessen.

Die Nacht erwacht: Ein Fest für die Sensorik

Wenn die Sonne über Chongqing untergeht – wobei man die Sonne durch den Dunst oft ohnehin kaum sieht – verändert die Stadt ihr Gesicht komplett. Wir haben uns zwei Stunden die Beine in den Bauch gestanden, um auf die nächtliche Beleuchtung rund um das Vergnügungsviertel und die Skyline zu warten.

Es wurd warm, es wurde voll. Tausende von chinesischen einheimischen Touristen drängten sich an die Geländer. Eine Drohnenshow erhellte den Himmel. Die LED-Fassaden der Wolkenkratzer spiegelten sich im nächtlichen Flusswasser. Diese Szenerie auf den Chip zu bannen, ist eine Herausforderung für sich. Hier brauchst du Zeit, Ruhe (sofern möglich) und ein Auge für den richtigen Moment im stetigen Fluss der Menschenmassen.

Fazit: Lasst euch auf das Chaos ein

Chongqing ist keine Stadt, die man sofort versteht. Sie ist anstrengend, unübersichtlich und bricht mit allen fotografischen Gewohnheiten, die man sich in europäischen Altstädten angeeignet hat. Aber genau das macht sie zu einem der spannendsten Motive überhaupt. Du musst aufhören, nach den vertrauten Mustern zu suchen, und stattdessen anfangen, die Unordnung, den Smog und die Höhenunterschiede als deine kreativen Werkzeuge zu nutzen.

Schaut euch das Video oben an. Ich nehme euch direkt mit durch diese engen Gassen, wir schlürfen zusammen seltsame Tees und lassen die gigantische Szenerie am Jangtsekiang auf uns wirken. Ihr werdet spüren, warum diese Stadt mich fotografisch so herausgefordert und gleichzeitig so fasziniert hat.

Habt ihr schon mal an einem Ort fotografiert, an dem euer Orientierungssinn komplett versagt hat? Schreibt es mir gerne! Wir sehen uns im nächsten Beitrag – oder besser gesagt: beim nächsten Ausblick.

Bleibt fokussiert und liebt eure Schatten,
Euer Ortwin

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