Guten Morgen um 14:23 Uhr Ortszeit! Ja, ihr lest richtig. Manchmal verschwimmen auf so einer Fotoreise durch China die Zeiten und Räume. Ich sitze hier gerade in einem Zug, 12 Stunden Fahrt liegen insgesamt vor uns. Wir lassen das gewaltige Shanghai hinter uns und fahren tiefer rein in dieses faszinierende Land, nach Chongqing.
Und während die Landschaft draußen am Fenster vorbeifliegt, habe ich Zeit, das Erlebte der letzten Tage ein bisschen sacken zu lassen. Denn Street Photography und urbane Fotografie leben nicht nur vom Auslöser-Drücken. Sie leben vom Begreifen, vom Spüren der Locations. Ich nehme euch heute mal mit auf diesen Trip – hinter die Kulissen, rein in die Schatten und ins filmische Licht dieser gigantischen Metropolen.
Der M50 District und die Kunst der Stille
Wenn ihr in einer neuen Stadt seid, wo sucht ihr nach fotografischer Inspiration? Wir sind gestern direkt ins M50 eingetaucht, das Kunst- und Galerienviertel von Shanghai. Das ist wie ein riesiger Spielplatz für visuelle Ideen. Da hingen Bilder einer Fotografin an der Wand – Leute, wirklich zum Niederknien! Und ja, da war auch viel Kitsch dabei, aber genau diese Extreme machen das Locations Scouten ja so spannend.
Der absolute Wahnsinn erwartete uns aber ein paar Türen weiter. Wir sind einfach in ein chinesisches Architekturbüro reingestolpert. Keine Absperrung, keine Security, die uns wegschicken wollte. Der Chef kam direkt auf uns zu, total locker. Er hat uns erzählt, was sie für irre Türme und Kunstmuseen in China hochziehen. Aber das Faszinierendste war gar nicht die Architektur selbst, sondern die Atmosphäre im Raum. Ein Raum voller kreativer Energie, aber extrem leise.
„Die Leute haben dort vor den Monitoren gearbeitet. Kein Telefon, kein Gerede, kein gar nichts. Keine Ahnung, wie die das ausgehalten haben, aber es schien sehr konzentriert und die Ergebnisse, die rauskommen, waren bombfortzös.“
Fotografisch gesehen ist so etwas reines Gold. Cinematisches Licht – von dem ich ja immer so schwärme – braucht oft genau das: Stille. Wenn ein Raum so konzentriert ist, formen sich die Schatten ganz anders, die kalten Monitore werfen ein dramatisches Licht auf die Gesichter der Architekten. Solche ungestellten, dokumentarischen Momente kannst du dir in keinem Studio der Welt ausdenken.
„1000 Bäume“ – Wie ein verlassenes Filmset
Als Fotografenbist du immer auf der Suche nach dem Framing, nach Linien und Kontrasten. Und was wir dann erlebten, war visuell absolut absurd: Das Einkaufszentrum „1000 Trees“. Stellt euch gigantische Betonsäulen vor, auf denen Bäume wachsen, durchdachtes High-End-Design, absolute Meisterklasse der Architektur … und dann bist du da drin, und es ist tot.
„High End Design, die Shops waren super und alles, alles leer, alles leer. Da war kaum jemand dort gewesen.“
Für einen Moment fühlte sich das an wie am Set von einem Science-Fiction-Film, nachdem die Crew schon nach Hause gegangen ist. Aber genau da fängt urbane Fotografie an, richtig Spaß zu machen. Wir haben den Ort für uns genutzt. Architektonisch haben wir da Bilder hingelegt, die eine unfassbare Einsamkeit mitten in einer der größten Städte der Welt transportieren. Das Licht fiel durch diese künstlich bepflanzten Säulen in die komplett menschenleeren Gänge. Schatten erzählen Geschichten, Leute! Und der Schatten dort erzählte die Geschichte von einer Zukunftsvision, in der die Menschen fehlen.
Leben im Grünen – und das Licht in der Tiefe
Einen ganz anderen Kontrast bot uns danach eine sogenannte „Guarded Community“. Von weitem siehst du nur diese massiven, grauen Wolkenkratzer. Du denkst an Anonymität, an Beton. Aber wenn du dann in diese Innenhöfe gehst, haut es dich um.
Man geht unten durch und kriegt von den hohen Häusern über einem fast gar nichts mit. Überall, wirklich überall in Bodennähe ist es grün. Eine grüne Stadt für sich selbst, mit Friseuren, Bäckern, Parks und Kindergärten. „Wohnen für die Ewigkeit“ nannten die das dort. Fotografisch war das krass: Oben dieses harte, gleißende Licht, das sich an den verglasten Fassaden der Türme bricht, und unten, wo das Leben stattfindet, weiches, durch die Blätter unzähliger Bäume gefiltertes Licht. Ein ständiges Spiel zwischen hartem Urbanismus und organischer Natur.
Chongqing Calling: Wenn die Stadt dir die Kamera verbietet
Heute Morgen am Bahnhof von Shanghai fing das Abenteuer dann richtig an. Der Bahnhof war der pure Stress, und ich wollte natürlich genau diese rohe Energie festhalten. Aber kaum hatte ich die Kamera draußen: „Kamera weg!“
Wisst ihr was? Manchmal ist das ein Segen. Wenn du das große Besteck wegstecken musst, greifst du halt zum Handy. Du wirst unsichtbarer, du wirst wieder mehr zum Beobachter und mischst dich unter die Leute. Es schärft den Blick für den Moment, wenn man nicht ständig an Blende und ISO rumfummelt.
Aber was uns dann nach diesen 12 Stunden Zugfahrt in Chongqing erwartet hat… Wow. Ich dachte ja, Hongkong wäre schon heftig gewesen. Aber Chongqing? Die Stadt ist wie eine andere Dimension. Komplettes Navi-Chaos bei der Ankunft, bis uns ein Student und eine einheimische Familie buchstäblich gerettet und zu unserer Bude gebracht haben. Und Leute, für 145 Euro für fünf Nächte haben wir hier im 10. Stockwerkein Apartment mit Balkon, aus dem wir am liebsten gar nicht mehr raus wollen.
Aber natürlich konnten wir es nicht lassen. Wir mussten nachts nochmal auf die Straßen von Chongqing. Und das war unbeschreiblich:
„Obwohl wir halt im zehnten Stock waren, kam das Laub, was vom Boden aus hochgewirbelt wurde, bis hoch zu unserem Balkon und ging dann noch weit, weit nach oben.“
Stellt euch diese Straßenschluchten vor. Die Neonlichter der Stadt reflektieren auf dem Asphalt, der Wind bläst wie in einem Windkanal durch die gigantischen Wolkenkratzer und reißt das Laub bis in den 10. Stock. Das ist kein normales Licht mehr, das ist reine Emotion. Das ist die Seele einer Megacity, die niemals schläft.
Was nehmt ihr heute mit?
Lasst die Kamera manchmal einfach das Werkzeug sein und verlasst euch auf euer Bauchgefühl. Die besten Motive entstehen nicht, wenn alles perfekt nach Plan läuft, sondern wenn man sich verläuft (sei es in der Metro in Pudong oder mit einem streikenden Navi in Chongqing). Sucht nicht nach dem perfekten Licht, sucht nach dem Licht, das die Geschichte des Ortes am besten erzählt. Egal ob das die konzentrierte Stille bei den Architekten ist, die verlassene Kälte einer toten Mall oder der neonbeleuchtete Wind in den Straßenschluchten.
Ihr wollt diese ganzen Kontraste, die leeren Malls und den Windschacht in Chongqing mit eigenen Augen sehen? Spürt den Vibe und die Action dahinter. Schaut euch jetzt unbedingt direkt das neue Vlog-Video dazu an! Lasst uns zusammen durch diese Städte driften. Holt euch eine Tasse Kaffee (oder setzt euch in den Zug) und drückt auf Play!
Wir sehen uns im nächsten Clip – bleibt kreativ und fangt das Licht ein!
Euer Ortwin
