Ein verrückter Plan mit Schnupfen und einem kaputten Auto – oder: Wie ich 6 Kilometer durch Gelsenkirchen lief und fotografierte

Es gibt Tage, da läuft nichts nach Plan. Mein T-Cross hatte Wassereinbruch im Kofferraum – genau da, wo sonst meine Blitzrucksäcke liegen. Also ab zu VW, Auto abgeben. Und dann? Zurück nach Hause laufen, 6 Kilometer quer durch Gelsenkirchen. Klingt machbar. Nur dass ich an dem Morgen eine ordentliche Erkältung mit mir rumschleppte und das Wetter alles andere als fotogen war. Aber ihr wisst ja: „Verrückt muss man halt sein.“ Also habe ich meine GFX 100S II geschnappt, den Black Mist Filter draufgeschraubt und bin los. Statt vieler schneller Schnappschüsse wollte ich ruhig fotografieren – mit dem Fokus auf Licht, Schatten und Stimmungen. Was draus geworden ist, zeige ich euch im Video. Hier bekommst du die ganze Story noch einmal in geschriebener Form und ein paar Gedanken, die das Filmen nicht eingefangen hat.

Mit der GFX 100S II und einem Black Mist auf Street Tour – warum das so besonders ist

Ich setze die Kamera auf Classic Neg. und Tageslichtweißabgleich – bewusst, um diese leichten Farbverschiebungen ins Grünliche zu bekommen, die man im Video an den Lampen sieht. Der Black Mist Filter von K&F nimmt der digitalen Schärfe von Mittelformat die Härte. Er erzeugt dieses analoge Glow, das Licht um Lampen und Schaufenster weich fließen lässt. Genau das wollte ich: cinematische Anmutungen statt klinischer Perfektion. Natürlich mache ich nicht so viele Bilder mit dieser Kamera – denn „mit der GFX, mit der großen Auflösung macht das einfach keinen Spaß, die ganzen Bilder zu bearbeiten und manche Bilder sind als einfach auch nicht wert abgedrückt zu werden.“ Wer also auf meinem Walk zu viele Auslöser erwartet, den muss ich enttäuschen. Es geht um Qualität und ums Sehen, nicht um Masse.

Vom Bahnhof durch die Innenstadt – Schatten, Geometrie und ein bisschen Geschichte

Ich starte in Bahnhofsnähe. Die ersten Motive bieten sich gleich an: eine moderne Treppe, Spiegelungen von Altbauten in Glasfassaden, geometrische Linien. Morgens um neun ist die Stadt noch ruhig. Das Licht wird langsam stärker, die Schatten härter – perfekt für grafische Kompositionen. Ich warte auf den richtigen Moment. An einer Kreuzung mit einem „Flat Iron“-artigen Gebäude will ich unbedingt den Schatten von Passanten an der rechten Hauswand einfangen. „Taxi, fahr weg, fahr weg!“ – und dann kommt ein Mann mit Rollator und Hund genau ins Bild. Das Zitat beschreibt meine innere Anspannung ziemlich gut. Der Schatten saß, das Bild war im Kasten.

Im Hauptbahnhof selbst herrscht eine Mischung aus Leere und Farbigkeit. Die Tageslicht-Einstellung zaubert grünstichige Neonröhren, der Black Mist lässt alles soft auslaufen. Ich taste mich an symmetrische Rolltreppen, einsame Plattformen, diese speziellen Anti-Obdachlosen-Bänke heran. „Ein Bild der Einsamkeit am Bahnhof. Leider geht dann genau so eine Schnur durch den Kopf. Mist.“ Du siehst: Auch mit Plan passieren Fehler, aber das gehört zur Street-Fotografie.

Dann überkommt mich Nostalgie. Draußen vor dem Bahnhof stand früher mein Studio, Fotomagic, mit 400 Quadratmetern. Heute ist darin ein Fitnessstudio. Ich fotografiere den Eingang genau dort, wo damals das Schild hing. Kein perfektes Bild, aber ein emotionales. Die gläserne Kunstwand am Bahnhofsvorplatz war übrigens einst am alten Hauptbahnhof – gerettet vor dem Abriss. Gelsenkirchen hat diese kleinen Geschichten an jeder Ecke.

Die Einkaufsstraße war in den 50ern eine der umsatzstärksten Deutschlands, heute reihen sich leere Schaufenster aneinander. Das ehemalige Karstadt-Gebäude spiegelt die andere Straßenseite, und ich warte, bis die Szene menschenleer ist. „Die Stadt wirkt irgendwie echt menschenleer. Diese komische Säule hier in der Mitte. Kunstwerk und daneben Sparkassengebäude und der Dom. Das wirkt so ein bisschen wie die Aufnahmen aus China.“ Die Kombination aus moderner Architektur, sozialistisch anmutenden Betonbauten und den Stelen erzeugt tatsächlich eine eigenartige Ästhetik.

Apropos leer: Im Rathaus wollte ich fotografieren, fragte höflich nach und bekam prompt ein „Nein“. „Wer fragt, muss mit Antworten rechnen. Also keine Aufnahmen vom Rathaus.“ Also weiter zum Musiktheater im Revier, wo ich wenigstens bis zur Absperrung durfte. Ich belichtete absichtlich dunkel, damit die Außenbeleuchtung nicht ausfrisst – das Ergebnis erinnert mich an Westworld Staffel 3. Manchmal reicht schon ein kurzer, genehmigter Blick.

Abseits der Innenstadt: Bismarckstraße, ein bisschen Amerika und die Glückaufschranken

Hinterm Musiktheater verlasse ich die Innenstadt und bewege mich auf den „Stern“ zu. Die Kamera sitzt jetzt an der Brust, um weniger aufzufallen. Die Bismarckstraße ist ein besonderes Pflaster – wer sie googelt, findet bestimmt einiges. Mir begegnet ein nett fragender Passant, der wissen will, wofür ich Bilder mache. Meine Antwort „privat, für YouTube“ reicht ihm. Manche Begegnungen sind harmlos, andere erfordern Fingerspitzengefühl, vor allem wenn man mit der Kamera auf der Brust durch eher rauere Ecken läuft.

Ich fotografiere ein türkises Gebäude, eine abgebrannte Haushälfte, ein einsames Leuchtreklame-Schild und entdecke in einem Hinterhof einen Weihnachtsbaum – und das Ende Februar. „Oh, wir haben kurz vor Anfang März und da liegt ein Weihnachtsbaum. Okay, ein Weihnachtsbaum in Bismarck.“ Diese Momente sind es, die Street-Fotografie ausmachen: das Unerwartete, das Überbleibsel einer anderen Zeit.

Ein Treppenhaus in einem der heruntergekommenen Gebäude erinnert mich an amerikanische Motels irgendwo in der Wüste. Ich achte auf die Bildkanten, auf den Strommast, der ins Bild ragen muss, und gehe wieder raus, bevor es Ärger gibt. Die nächsten Motive sind die Glückaufschranken – Relikte der Bahnschienen, die einst die Zechen verbanden. Gelsenkirchen war einmal die Stadt der 1000 Feuer. Von dieser Vergangenheit zeugen noch der Förderturm und die stillgelegten Gleise.

Zeche Consolidation – der Förderturm, das Skaterfeld und meine Suche nach dem besten Bild

Als ich an der Zeche Consolidation ankomme, bin ich im X-Pan-Modus der Kamera unterwegs. Der Förderturm ragt in den Himmel. Ich probiere verschiedene Perspektiven, lasse bewusst stürzende Linien zu. Ein Bild, bei dem der Turm mit der Kante des Vordergebäudes verschmilzt, sagt mir zuerst nicht zu – aber dann: „Das Bild ist viel besser als das Bild gerade. Heimat schmeckt anders. Leider stört mich da jetzt gerade der Schatten der Laterne.“ Genau dieses Abwägen zeigt, wie ich arbeite: Ich bewerte jede Komposition auf emotionale und grafische Wirkung. Manchmal ist der zweite Versuch der bessere, auch wenn ein Schattenwurf alles wieder zunichtemacht.

Ich suche nach einer Kabeltrommel als Vordergrund, um den Turm einzubetten. Die Skateer-Rampe bietet harte Schattenkanten, die ich bewusst nutze. Auf dem Volleyballfeld und an den Graffitiwänden wird das Gegenlicht so stark, dass die Kontraste verschwinden – nicht ideal, aber ich dokumentiere es trotzdem. Zum Abschluss die Brücke über die ehemaligen Gleistrassen, heute Fahrradautobahn. Ihre Symmetrie fordert ein letztes Bild heraus. Danach ist nach vier Stunden und gut 6 Kilometern Schluss.

Fazit: Was du aus diesem Walk für deine eigene Street-Fotografie mitnehmen kannst

Erstens: Es braucht kein perfektes Wetter. Hartes Licht, Schatten, Gegenlicht – all das ist Material, um Stimmungen zu erzeugen. Zweitens: Weniger ist mehr. Die GFX zwingt mich, langsamer zu sehen, weniger auszulösen, mehr zu denken. Drittens: Die Stadt erzählt ihre eigenen Geschichten. Ob ehemaliges Karstadt-Foyer, ein Weihnachtsbaum im Februar oder ein freundlicher Passant – alles wird zum Bild, wenn du die richtige Einstellung (im Kopf) hast. Und viertens: Ein Black-Mist-Filter verwandelt selbst triste Bahnhofsneons in cinematische Augenblicke.

Wenn dich dieser Walk inspiriert hat, schau dir unbedingt das Video an. Dort siehst du die Szenen in Bewegung, hörst meine ungefilterten Gedanken und kannst nachvollziehen, wie die Bilder entstehen. Sag mir in den Kommentaren, ob ich mehr solcher Touren machen soll – und für 2026 plane ich viele spontane Städtetrips mit dem Deutschlandticket. Welche Stadt soll ich unbedingt besuchen? Ich freue mich auf eure Vorschläge. Daumen hoch, Abo nicht vergessen, und dann sehen wir uns beim nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Kamera mitnehmen, Licht suchen, Schatten fangen. Bis dann und tschüss, euer Ortwin.

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