Morgens um 9 im Nieselregen: Ein ungeplanter Fotowalk durch Gelsenkirchen
Willkommen auf der Straße, manchmal schreibt das Leben die besten Skripte für unsere Fotografie, auch wenn sie im ersten Moment eher nach einem schlechten Scherz klingen. Street Fotografie morgens um 9 Uhr in Gelsenkirchen. Und das bei schlechtem Wetter. Schlechte Idee? Keine Ahnung. Ich musste es einfach ausprobieren.
Die Ausgangslage war alles andere als romantisch: Wassereinbruch in meinem T-Cross. Genau da, wo sonst meine teuersten Blitz- und Kamerarucksäcke liegen, schwappte ein kleiner See. Also musste das Auto in die Werkstatt. Die ist gut sechs Kilometer von mir zu Hause entfernt. Der Plan für den Tag: Auto abgeben, 6 Kilometer nach Hause laufen, auf den Anruf warten und wieder zurück. Erschwerend kam hinzu: Ich war ziemlich erkältet.
Verrückt muss man halt sein. Ich habe meine GFX 100 S2 dabei und ich stell die auf Klassik negativ und fotografiere damit meinen Rückweg. Ich zeige euch ein bisschen, was mir dazu einfällt.
Aber wisst ihr was? Genau in solchen Momenten entsteht oft die ehrlichste Fotografie. Ich nehme euch heute mit auf diesen ganz speziellen Street-Fotowalk – vom Kaltstart am Bahnhof bis tief hinein in die Bismarckstraße.
Entschleunigung pur: Keine Hektik, nur Lichtstimmung
Wer mich kennt, weiß: Ich bin kein Technik-Nerd, der Pixel zählt. Für diesen Walk hatte ich die Fujifilm GFX 100 S2 dabei. Das ist keine Kamera, mit der man wild um sich schießt. Sie zwingt dich zur Ruhe. Zu einer ruhigen, fast schon meditativen Fotografie. Genau das wollte ich.
Alle Bilder, die ich auf diesem Walk gemacht habe, sind unbearbeitet. Out of Camera. Ich habe die Filmsimulation auf "Classic Negative" gestellt und einen Black Mist Filter von K&F Concept vor das Objektiv geschraubt. Warum? Weil ich nicht diesen sterilen, hyperdigitalen Look wollte. Ich wollte das Gefühl der Stadt einfangen. Das Raue. Den analogen "Glow", der das harte Licht etwas aufbricht und den Lichtern diese wunderschöne emotionale Weichheit gibt.
Schatten erzählen Geschichten: Das Flat Iron von Gelsenkirchen
Auf dem Weg in Richtung Innenstadt fängt die Stadt direkt an, mit dir zu sprechen. Ihr kennt vielleicht das klassische Bild aus New York, das Flat Iron Building? Wo man mitten auf so einer kleinen Insel steht? Genau diese Geometrie gibt es hier auch. Ein Mix aus alter Bausubstanz, modernen Treppen und spiegelndem Glas. Und dann, mitten an der Kreuzung, ein weißes "Ghost Bike" – ein Mahnmal für einen tödlich verunglückten Radfahrer.
Nicht unbedingt ein tolles Motiv im Sinne von "schön", aber Street Fotografie klammert das Leben nicht aus. Es gehört dazu. Genau wie das Licht, das um diese Uhrzeit anfängt, interessant zu werden.
Beim Fotografieren sollte man den Blick auch nach oben richten. Da oben diese Struktur, die ist faszinierend. So langsam kommt das richtig schöne Licht raus. Hartes Licht für geometrische Figuren.
Ich stand da und wartete auf den Schatten. Ich wollte unbedingt, dass sich der Schatten einer Person an der rechten Wand spiegelt. Ein Taxi stand im Weg, dann endlich: Ein älterer Herr mit Rollator und Hund zieht vorbei. Klick. Der Schatten war da. Das ist das Warten, von dem ich immer spreche. Du baust dir im Kopf die Bühne auf, du hast das Licht – und dann wartest du auf deinen Schauspieler.
Cinematische Momente im Untergrund
Wenn ihr Gelsenkirchen fotografiert, dürft ihr den Bahnhof nicht auslassen. Aber ich suche nicht die Hochglanzaufnahmen. Ich suche die Farbverschiebung. Ich liebe es, die Kamera bewusst "falsch" einzustellen. Tageslicht-Weißabgleich unter Bahnhofsbeleuchtung? Was in der Theorie wie ein Anfängerfehler klingt, ergibt in der Praxis diesen herrlichen, kranken Grünstich, der aussieht wie direkt aus einem David-Fincher-Film.
Hier überbelichte ich auf jeden Fall, um über den Blackmist Filter dieses analoge Glow hinzubekommen... Bleib bewusst so hell, um diesen überstrahlten Look zu bekommen.
Ich suchte nach einem Bild der Einsamkeit. Da waren diese neuen, abweisenden Bänke – Architektur, die extra so gebaut wird, dass Obdachlose nicht darauf schlafen können. Ein harter Kontrast zu den bunten Lichtern drumherum. Das ist es, was mich interessiert. Nicht das technisch perfekte Bild, sondern die Atmosphäre. Der Black Mist Filter hat hier aus einer gewöhnlichen Gegenlichtsituation der Rolltreppe ein richtiges emotionales Erlebnis gemacht.
Nostalgie und die glanzlose Bahnhofstraße
Wenn man durch so eine Stadt läuft, kommen Erinnerungen hoch. Ich stand am Hinterausgang des Hauptbahnhofs. Da, wo heute ein großes Fitnessstudio ist, war mal mein altes Fotostudio. 400 Quadratmeter kreativer Spielplatz. Das war natürlich ein Pflichtmotiv – rein aus nostalgischen Gründen.
Dann ging es weiter auf die Bahnhofstraße. Wusstet ihr, dass das in den 50er und 60er Jahren mal eine der finanzstärksten Einkaufsstraßen Deutschlands war? Die stand über München und Berlin! Davon ist heute wenig übrig. Leere Schaufenster prägen das Bild. Aber für uns Fotografen? Ein absoluter Traum. Das sind riesige Spiegelflächen, mit denen man Räume im Bild erzeugen kann. Du fotografierst das leere Karstadt-Gebäude und profitierst von der totalen Spiegelung der Hochhäuser dahinter.
Harte Kontraste auf der Bismarckstraße – Der Mittag schlägt zu
Je weiter ich in Richtung Bismarckstraße kam, desto mehr wurde das Licht zu meinem Feind und Freund zugleich. 12 Uhr mittags. Das ist eigentlich das Licht, das man als Fotograf meidet wie der Teufel das Weihwasser. Brutales frontales Licht, extrem harte Schatten.
Aber man muss mit dem arbeiten, was da ist. Ich habe angefangen, meine Bilder umzudenken. Weg vom weichen Porträt-Licht, hin zu harten grafischen Elementen. Die Bismarckstraße ist ehrlich, rau und ungeschminkt. Abgebrannte Gebäude, alte Leuchtreklamen, die sich ausgeblinkt haben, mitten im März entsorgte Weihnachtsbäume am Straßenrand. Und dann die "Glückauf-Schranken". So nennen wir die hier im Ruhrgebiet sarkastisch – wenn du Glück hast, sind sie auf (was so gut wie nie passiert).
Hier kam das X-Pan Format meiner GFX massiv zum Einsatz. Dieses breite, kinoartige Seitenverhältnis passt einfach perfekt zu den weiten, etwas desolaten Straßenfluchten des Ruhrpotts. Es zwingt dich, in der Breite zu denken und störenden Himmel oder unwichtige Straßenränder einfach wegzuschneiden.
Zeche Consol: Wenn Industrie zur Kunst wird
Am Ende meines 6-Kilometer-Marsches landete ich bei der Zeche Consol. Gelsenkirchen war mal die Stadt der 1000 Feuer. Heute sind die Zechen stillgelegt, aber sie prägen die Silhouette der Stadt nach wie vor massiv.
Ich ließ den Förderturm direkt in die Kante eines vorderen Gebäudes übergehen. Bewusst eingesetzte stürzende Linien. Der alte Skaterpark im prallen Gegenlicht, die ausgedienten Bahntrassen, die heute schnurgerade Fahrrad-Autobahnen sind – all das atmet diese spezielle Ruhrpott-Story. Wenn du hier die Kontraste in den dunkelsten Schatten suchst, findest du keine Details mehr. Aber du findest Silhouetten, die stärker sind als jede perfekt ausgeleuchtete Szene.
Fazit: Geht raus, egal wie das Wetter ist!
Ich war nass, verschnupft und meine Beine wussten genau, was sie getan hatten. Aber ich kam mit Bildern zurück, die mir etwas bedeuten, weil ich sie mir *erlaufen* habe. Street Fotografie bedeutet nicht, um die halbe Welt zu fliegen. Sie passiert genau vor eurer Haustür, an einem Dienstagmorgen, zwischen Autowerkstatt und Sofa.
Was können wir aus so einer Tour mitnehmen?
- Licht bewerten lernen: Auch das schlechteste Mittagslicht hat grafisch etwas zu bieten, wenn man auf Schatten und Linien achtet.
- Traut euch, "falsch" zu fotografieren: Nutzt Filter, verfälscht den Weißabgleich, lasst Lichter ausbrennen. Fotografie ist Emotion, keine Mathematik.
- Die Kamera ist zweitrangig: Ob Action-Cam oder Mittelformat – es ist dein Auge, das arrangiert.
Wenn ihr die ganze Tour, die O-Töne der Straßen von Gelsenkirchen und die Bilder im Entstehungsprozess sehen wollt, startet das Video oben im Beitrag!
Lasst mich gerne in den Kommentaren unter dem Video wissen, wie euch dieses reine Streetwalk-Format gefallen hat. Und noch wichtiger: Für 2026 plane ich mehr solcher Städtetouren. Ich will mir ein Deutschlandticket schnappen und einfach losziehen. Welche Stadt sollte ich unbedingt besuchen? Wo gibt es die tollsten Schatten und abgerocktesten Ecken? Schreibt es mir.
Bis dahin: Haltet die Augen offen. Wir sehen uns auf der Straße. Euer Ortwin.