Hallo Freunde der Fotografie, willkommen in der Reithalle!
Ich nehme euch heute mit an ein Set, das eigentlich kein typisches Set ist. Normalerweise kennt ihr mich aus dem Studio oder von verlassenen urbanen Orten. Aber dieses Mal schnuppern wir ein bisschen Hallenstaub. Es steht mal wieder ein Pferdeshooting an! Wer meinen Kanal verfolgt, kennt Mona bereits. Wir haben schon so viele verrückte Dinge zusammen umgesetzt: Wir waren mit ihren Pferden vor Schlössern, wir standen mitten im Wasser, wir haben im tiefsten Schnee fotografiert. Wenn es darum geht, cineastische Geschichten zu erzählen, ist Mona immer dabei.
Aber heute ist etwas anders. Heute haben wir Fago vor der Kamera – ein junges PRE (Pura Raza Española), das erst seit knapp neun Monaten bei Mona ist. Fago tritt ein großes Erbe an, denn Monas vorheriges Pferd, der gute Fritz, ist leider viel zu früh von uns gegangen. Und nun stehen wir hier in einer ganz normalen Reithalle und wollen etwas Magisches erschaffen. Wie wir aus einer schnöden Halle ein echtes High-End-Fotostudio gemacht haben und warum Möhren beim Bändigen von Licht und Schatten manchmal wichtiger sind als das teuerste Objektiv, das erzähle ich euch jetzt.
Licht formt die Geschichte: Warum überhaupt Blitze beim Pferdeshooting?
Viele fragen mich immer wieder: Ortwin, warum tust du dir diesen Aufwand an? Warum baust du riesige Blitzanlagen auf, wenn du doch einfach das natürliche Lichtfenster in der Halle nutzen könntest? Die Antwort ist simpel, aber philosophisch: Weil ich mit Blitzen die Geschichte selbst schreibe.
Wenn ich vorhandenes Licht nutze, muss ich nehmen, was da ist. Wenn ich aber mein eigenes Licht setze, werde ich zum Regisseur. Ich kann steuern, was der Betrachter sieht – und noch viel wichtiger: was er nicht sieht. Für dieses Shooting haben wir einen 6 Meter breiten schwarzen Hintergrund aufgebaut. Warum? Damit die Reithalle komplett verschwindet. Keine störenden Banden, keine Fenster, kein unruhiger Hintergrund. Nur das Pferd, der Mensch und die Emotion.
Pferde von hinten belichtet sehen immer ganz toll aus. Dann glänzt das Fell so ein bisschen und die Muskeln kommen entsprechend raus. Das ist also das Geheimnis dabei.
Um das Fell dieses wunderschönen, schwarzen Pferdes richtig zum Leuchten zu bringen, reicht ein Frontallicht nicht aus. Licht ist Emotion. Schatten geben Tiefe. Deshalb haben wir von rechts und links zwei Striplights platziert. Sie setzen harte, aber kontrollierte Kantenlichter, die die Muskulatur von Fago förmlich aus dem Dunkel herausschälen. Von vorne kam als Hauptlicht ein großer Blitz (ein Godox AD 1200) mit Striplight oder Schirm zum Einsatz, um das Umgebungslicht völlig wegzublitzen. So entsteht diese fast schon gemäldehafte, majestätische Bildsprache, die ihr im Video bewundern könnt.
Wenn das Model 600 Kilo wiegt: Blitze, Möhren und viel Geduld
Jetzt stellen sich viele von euch bestimmt die Frage: Ein sensibles Fluchttier wie ein Pferd, das noch nie vor einer Kamera stand, und dann knallen da plötzlich Studioblitze? Ist das keine Katastrophe mit Ansage?
Eigentlich nicht. Es ist alles eine Frage der Kommunikation und der Geduld. Man muss dem Pferd zeigen, dass von dem komischen hellen Licht keine Gefahr ausgeht. Und da kommt das wichtigste Werkzeug des Tages ins Spiel, das absolut nichts mit Technik zu tun hat: positive Verstärkung.
Pferde und Blitze, ist das ein Problem? Eigentlich normalerweise nicht, wenn man genug Möhren oder Leckerchen dabei hat. Immer wenn so ein Blitz kommt, Leckerchen geben. Man kann die meisten dran gewöhnen.
Mona hat das grandios gemacht. Wir haben erst ganz trocken getestet, ohne großen Druck. Ein Blitzlicht, ein Klacken – und sofort gab es eine Belohnung. Fago, dieser kleine Kerl voller Energie, hat den Ablauf unfassbar schnell verstanden. Nach den ersten paar Testauslösungen war das Blitzen für ihn schon völlig normal. Das ist für mich sowieso immer das Faszinierendste an der Tierfotografie: Man darf niemals seinen eigenen Willen durchboxen. Man muss atmen, im Moment sein und schauen, was das Tier uns heute anbietet.
Unerwartete Geschenke: Wer hier wirklich Regie führt
Apropos anbieten: Wer das Video schaut, wird sehen, dass Fago eine ziemliche Rampensau ist. Er hat einen extrem starken Charakter und überlegt sich manchmal spontan, welche Tricks er heute zeigen möchte – völlig unabhängig davon, was Mona oder ich gerade geplant haben.
Wir wollten eigentlich ganz entspannt ein paar Bilder im Stehen machen. Plötzlich dachte sich Fago: "Weißt du was? Ich lege mich jetzt einfach mal hin!" Das hatte er sich gemerkt, weil er dafür auf einer Vorführung mal besonders viele Leckerchen bekommen hatte. Das war nicht geplant, und wir mussten alle furchtbar lachen.
Ja, genau so ist das mit den jungen Pferden. Man kriegt Geschenke. Manche gefallen einem nicht. Muss man sagen, das Geschenk tausche ich dann mal um.
In der Fotografie ist das wie im echten Leben: Man plant alles minutiös. Der schwarze Hintergrund hängt, das Hauptlicht ist ausgerichtet, die Kantenlichter stehen auf den Zentimeter genau. Und dann bewegt sich das Model aus dem Licht, droht den Hintergrund umzureißen oder macht überraschende Manöver. Wir haben im Video gelacht über den "spanischen Gruß" von Fago, der wie aus dem Nichts kam. Mona sagte so treffend über die spanischen Pferde: "Der Stier soll ja nicht wissen, von wo man kommt, haben die Toreros sich gedacht, als sie den gezüchtet haben. Total ohne Vorankündigung."
Genau in diesen Momenten zeigt sich, wie wichtig es ist, im Kopf flexibel zu bleiben. Ich bin mit meiner schweren Ausrüstung hinter dem Hintergrund hin- und hergerannt, habe den Winkel angepasst, mich auf den Boden geworfen, nur um die beiden immer exakt vor dem schwarzen Tuch zu halten. Denn sobald sie über die Kante heraustreten, zerbricht die Illusion des Bildes.
Hinter den Kulissen: Ohne Team geht absolut nichts
Einen kurzen Moment möchte ich nutzen, um über den Aufwand zu sprechen. Wenn ihr das fertige Bild seht – dieses elegante, ruhige Porträt eines schwarzen Pferdes vor ewiger Dunkelheit – dann seht ihr nicht das Chaos, das dahintersteckt.
Ohne mein Team – Ingo, Manuela und natürlich Mona und ihre Helfer – wäre das niemals möglich gewesen. Wir haben riesige Stative geschleppt, sechs Meter Stoff gespannt, darauf geachtet, dass der Stoff nicht im feuchten Hallensand ruiniert wird, Akkus der Blitzanlage gewechselt, Lampen aus dem Weg geräumt und ständig geschaut, dass sich keine Kabel dort befinden, wo ein Pferd drauftreten könnte. Sicherheit geht am Set immer vor! Studiofotografie an einer On-Location-Stätte ist eine Materialschlacht und schweißtreibende Logistikarbeit.
Fazit: Harmonie, Vertrauen und das Festhalten des perfekten Augenblicks
Am Ende des Tages, nachdem die Akkus leer waren und Fago sichtlich erschöpft in seine Box durfte, haben wir uns die Bilder auf dem Display angesehen. Und ich kann euch sagen: All der Schweiß, das Schleppen und das wilde Umherrennen haben sich gelohnt. Die Harmonie zwischen Mona und diesem jungen Pferd einzufangen, das Vertrauen sichtbar zu machen – genau das ist es, was Storytelling in der Fotografie für mich ausmacht.
Es geht nicht darum, welche Kamera ich nutze (auch wenn meine Nikon zwischenzeitlich etwas langsam war). Es geht darum, dass das Licht die Charaktere formt und uns den Fokus auf das Wesentliche schenkt: Den unglaublichen Bund zwischen Mensch und Tier.
Wenn ihr das volle Chaos, Fagos lustige Alleingänge und natürlich den Entstehungsprozess der Bilder sehen wollt, dann schaut euch unbedingt das Video oben an. Und wenn ihr selbst schon mal Tiere fotografiert habt: Wie macht ihr das? Geht ihr komplett auf vorhandenes Licht oder wagt ihr euch auch an Blitze heran? Schreibt es mir gerne in die Kommentare unter dem Video.
Bleibt kreativ, spielt mit dem Licht und lasst euch niemals von unerwarteten "Geschenken" eurer Models aus der Ruhe bringen! Wir sehen uns beim nächsten Mal – bis dann und tschüss!