Willkommen hinter den Kulissen: Wenn alles anders kommt
Hallo zusammen! Ich nehme euch heute mal wieder mit hinter die Kulissen eines Shootings, das mich wirklich an meine Grenzen gebracht hat. Kennt ihr diese Tage, an denen ihr alles bis ins kleinste Detail durchgeplant habt, ihr eine ganz klare visuelle Geschichte im Kopf habt – und dann wirft euch die Realität alles über den Haufen? Genau so ein Tag war das.
„Bei dem Video kommen mehr Fragen als Antworten auf. Ich glaube, ich muss vorher ein bisschen was erklären. War das ein Stress...“
Ich sage es euch direkt: Perfektion ist eine Illusion. Fotografie ist das, was passiert, wenn du auf das reagierst, was das Leben dir vor die Linse wirft. In diesem Fall bestand das Leben aus einem verrückten Konzept, zwei Shootings an einem Tag, absolut fehlendem Strom und einer Wettervorhersage, die uns schlichtweg angelogen hat.
Die absurde Idee: Pole Dance, ein Pferd und ein rotes Tuch
Die Idee zu diesem Wahnsinn kam von Mona. Sie hatte auf einer Pferdeshow etwas gesehen und meinte: Lass uns das machen! Die Zutaten für dieses visuelle Rezept? Eine Poledance-Stange, eine Poledancerin, ein fließendes rotes Tuch und eine Reiterin. Und weil das natürlich noch nicht genug Herausforderung für ein harmonisches Bild ist, machen wir das Ganze mit einem Pferd ohne Sattel und ohne Gebiss – komplett „Ohnezahn“.
Das ist genau die Art von Storytelling, die ich liebe. Es geht um starke Kontraste. Die Kraft und Direktheit des Pferdes, kombiniert mit der unglaublichen Körperbeherrschung und Eleganz an der Stange. Aber wir hatten ja nur diesen einen Tag für die Location und die Protagonisten. Also haben wir vorher noch ein klassisches spanisches Doma Vaquera-Shooting durchgezogen (wer den ersten Teil noch nicht kennt, schaut ihn euch unbedingt an!). Zwei große Produktionen an einem Tag – was sollte schon schiefgehen?
Licht, Schatten und der Kampf gegen die Fenster
Licht ist für mich nicht einfach nur Helligkeit. Licht ist Emotion. Licht formt die Geschichte. Wenn ich ein cinematisches Bild erschaffen will, brauche ich die Dunkelheit, den Schatten, um das Motiv daraus hervorzuheben. Mein Plan für das Shooting draußen auf der Weide war großartig. Der Himmel, die Weite, das Blitzlicht als formendes Element.
„Die Wettervorhersage sagte: Er kriegt super Wetter, alles klasse... Ich habe entsprechend die Blitze eingepackt und vor allen Dingen auch die Lichtformer. Wer wusste denn schon, dass wir da noch in die Halle müssen?“
Tja, das Wetter sah stark nach Regen aus. Aus der Traum von der weiten Koppel. Wir mussten in die Reithalle flüchten. Und eine Reithalle ist für meine Art der Fotografie ein absoluter Albtraum: Rundherum sind alles Fenster.
Wenn ich draußen blitze, nutze ich gerne große, runde Lichtformer, die das Licht schön weich streuen. In einer Halle aber streut dieses Licht überall hin! Die Halle wird hell, der Hintergrund wird unruhig, die cineastische Stimmung ist tot. Um den Hintergrund in der Halle dunkel zu bekommen, hätte ich Stripboxen gebraucht – enge, gerichtete Lichtquellen, die nur mein Motiv treffen und nichts anderes. Aber die lagen gemütlich zu Hause, weil wir ja dachten, wir shooten draußen.
Brennweite als Problemlöser
Wie rettet man so eine Situation? Man nutzt das Objektiv als Werkzeug gegen die Umgebung. Ich habe mir bewusst eine kleine Ecke in der Halle gesucht, wo relativ wenig Fenster waren. Dann habe ich mein 70-200mm Teleobjektiv ausgepackt. Und das ist mein Tipp für euch: Wenn die Location zu unruhig ist, geht weg vom Weitwinkel!
Durch die Telebrennweite habe ich visuell nur einen winzigen Winkel des Hintergrunds im Bild. Der Hintergrund zieht sich zusammen, wird gestaucht und relativ klein. So konnte ich die störenden Fenster so gut es ging ausblenden und das Auge des Betrachters dorthin lenken, wo es hingehört: Auf die Interaktion zwischen Mensch und Tier.
Strom, Nebel und nackte Panik
Als wäre das Licht nicht schon komplex genug, kam das technische Drama dazu. Wir waren in einer Halle ohne direkte Steckdosen. Ich bin ein riesiger Fan von starken Akku-Blitzen, weil sie mir Freiheit geben. Aber erinnert euch: Wir hatten bereits ein komplettes Shooting hinter uns.
Um die Stimmung auf die Spitze zu treiben, hatten wir eine Nebelmaschine dabei. Nebel baut Atmosphäre auf, fängt das Licht ein und macht tiefe, mystische Bilder möglich. Das Problem: Die Nebelmaschine brauchte Strom. Meinen Strom. Sie zog so viel Leistung aus meiner mitgebrachten EcoFlow-Batterie, dass ich meine Akku-Blitze nicht mehr zwischenladen konnte.
Ich musste also haushalten. Jeden Schuss genau abwägen. Keine wilden Dauerfeuer-Orgien, sondern gezieltes Fotografieren. Die LEDs gingen uns zwischendurch aus, es wurde immer dunkler, und ich stand da mit falschen Lichtformern und begrenzter Energie. Das ist der Moment, wo du als Fotograf aufhörst zu denken und anfängst zu fühlen. Du musst dich auf das Erlebnis einlassen. Mona an der Stange, das Pferd drumherum, der Nebel – einfach rein in die Szene und den einen Moment jagen.
Emotionen einfangen: Warum wir uns das antun
Wenn du in so einer stressigen Umgebung bist, darfst du dich nicht von der Technik besiegen lassen. Du kämpfst, du versuchst es – und dann drückst du ab. Und ganz plötzlich, inmitten des Nebels, dem Pfeifen der Blitze und der Konzentration aller Beteiligten, friert die Zeit für eine Millisekunde ein.
„Okay, also einen Keeper habe ich schon. Also ein Bild habe ich, was richtig geiles.“
Das ist der Grund, warum ich Fotografie liebe. Für diesen einen Keeper. Dieses eine Bild, das die ganze Vorbereitung, den ganzen Stress, die nassen Klamotten und die leeren Akkus wert macht. Mona und Simone sind wirklich bis an ihre absoluten Grenzen gegangen. Diese Symbiose aus vertrauensvoller Pferdearbeit und Akrobatik, eingefangen in einem dramatischen Licht – das hat einfach eine wahnsinnige Kraft.
Fazit: Geht raus und macht Fehler!
Was können wir aus so einem Tag mitnehmen? Plant eure Shootings. Macht euch Konzepte. Aber seid darauf vorbereitet, dass ihr alles umwerfen müsst. Wenn die Sonne nicht scheint, geht in die Schatten. Wenn ihr die falschen Lichtformer habt, spielt mit der Brennweite. Fotografie bedeutet Probleme lösen.
Ein riesiges Dankeschön an mein gesamtes Team vor Ort, das dieses verrückte Projekt gerockt hat. Es war ein heftiges Shooting, aber die Ergebnisse sprechen für sich. Wenn ihr das Video noch nicht gesehen habt, klickt oben auf den Player und schaut euch das Spektakel in Bewegung an. Hört euch das Klicken der Blitze an, seht, wie wir mit den Bedingungen gerungen haben.
Wer von euch sowas mal nachmachen will: Tut es! Aber macht ein Video davon und zeigt es mir. Ich würde unfassbar gern sehen, wie ihr mit solchen Situationen umgeht. Schreibt mir eure Meinungen und Kommentare auch gerne unter das Video bei YouTube – bestimmt hätte man vieles ganz anders machen können, aber das hier ist unsere Geschichte.
Ich gehe jetzt entspannen. Und vor allem gehe ich jetzt nochmal Fritz, das Pferd, kraulen. Er war der heimliche Star des Tages. Wir sehen uns beim nächsten Mal. Bis dann, tschüss!