Willkommen im Duisburger Hafen: Wenn der Plan auf die Realität trifft
Hallo Freunde der Fotografie! Ich nehme euch heute mal wieder ein bisschen mit in meine Welt. Wer meine Videos in letzter Zeit verfolgt hat, weiß: Letztes Jahr haben wir extrem viel über Lichtformen, Lichtrichtungen und die ganze Technik dahinter gesprochen. Dieses Jahr will ich es ein bisschen anders machen. Ich will euch zeigen, wie sich das in der Praxis anfühlt. Weniger trockene Theorie, mehr echtes Shooten, mehr Dreck an den Klamotten und vor allem: mehr Geschichten.
Für mein neues Video war ich mit Sandra im Innenhafen von Duisburg unterwegs. Wer mich kennt, weiß: Ich liebe Urban Fotografie. Ich liebe Beton, ich liebe raue Strukturen und ich liebe es, wenn eine Location Charakter hat. Die Idee für dieses Fotoshooting stand schnell fest: Es sollte dystopisch werden. Ein Look, als wäre die Welt um uns herum zusammengebrochen. Ein bisschen Mad Max, ein bisschen Endzeit.
Dafür fahre ich gerne schon am Tag vorher los, um die Location zu scouten. Ich laufe durch die Gegend, schaue mir an, wo die Sonne stehen wird, und suche nach markanten Betonwänden. Das bringt mich direkt zu einer Frage, die mich wirklich beschäftigt – und die ihr mir gerne mal in den Kommentaren beantworten dürft:
Wie macht ihr das so, wenn ihr ein Shooting plant? Schaut euch vorher die Umgebung schon mal an, so wie ich es manchmal tue, oder geht ihr nur dahin, wo ihr euch speziell auskennt?
Ich für meinen Teil benutze eigentlich alles. Sonnenverlaufs-Apps, Google Maps, aber am Ende muss ich den Ort spüren. Ich fahre hin, mache vorab ein paar Bilder mit dem Handy und schicke sie dem Model. So konnte Sandra sich perfekt in Schale werfen und ihr "Festival Outfit" – oder vielmehr ihr Endzeit-Outfit – zusammenstellen. Materialisiert am nächsten Tag im Duisburger Hafen, konnte es eigentlich losgehen. Wenn da nicht das Wetter gewesen wäre.
Ein strahlend blauer Himmel – Mein absoluter Foto-Albtraum
Es mag für viele verrückt klingen, aber als Fotograf, der in seinen Bildern eine ganz bestimmte, düstere Emotion erzeugen will, ist tolles Wetter oft der absolute Endgegner. Wir kamen in Duisburg an und der Himmel riss auf. Strahlend blau, grelle Sonne. Für ein dystopisches Setup ist das der absolute Killer.
Was macht man also, wenn die Sonne die Stimmung zerstört, die man eigentlich im Kopf hat? Man macht die Sonne platt. In der Fotografie geht es nicht nur darum, das festzuhalten, was da ist, sondern das zu erschaffen, was man fühlen will. Licht ist Emotion, und wenn das natürliche Licht die falsche Emotion sendet, muss ich eingreifen.
Mein Werkzeug dafür: High-Speed Sync (HSS). Wenn ich an einem sonnigen Tag den Hintergrund düster und dramatisch haben will, muss ich die Belichtungszeit extrem verkürzen. Wir reden hier von einer 1/1000 oder sogar 1/2000 Sekunde. Das killt das Umgebungslicht. Der Preis dafür? Ohne künstliches Licht sähe Sandra aus wie ein schwarzer Schattenriss. Also müssen die Blitze ran.
Ich will auch nicht so ganz hell die Augen beleuchtet haben. Es soll ja ein bisschen düsterer aussehen. Du kannst ruhig auch so ein bisschen böse sein, wenn du willst. Halt die Welt um dich herum ist zusammengebrochen und alles was rumläuft ist entweder Feind oder Marionette.
Cinematische Bildsprache: Blaues Licht und harte Schatten
Um diesem dunklen, abgewrackten Look die richtige Würze zu geben, arbeite ich extrem gerne mit Farbfolien. Ich hatte einen AD200 mit einer blauen Folie als Hauptlicht im Einsatz und einen AD400, um die Szenerie ein wenig zu formen. Das blaue Licht bringt diese unglaubliche Kälte ins Bild. Es wirkt sofort cinematischer, als wäre man mitten in einer Filmszene.
Ich gehe für euch gerne auf die Knie oder liege im Dreck, um die richtige Perspektive zu finden. Von unten nach oben fotografiert, wirkt Sandra gleich viel dominanter und die Architektur im Hintergrund imposanter. Es ist ein ständiges Spiel: Licht etwas näher ran, den Fokuspunkt mit einem Grid (Wabennetz) verengen, damit das Licht nicht unkontrolliert durch die Gegend streut, sondern gezielt den Hintergrund färbt, während wir vorne aus einer anderen Richtung aufhellen. Es ist ein Balanceakt zwischen Kunst und purem Ausprobieren.
Wenn das Location-Scouting eine unerwartete Wendung nimmt
Aber Fotografie draußen on Location ist eben nicht nur Licht setzen – es ist auch unberechenbar. Mitten in unserem besten Flow tauchte plötzlich ein sehr freundlicher, aber bestimmter Polizist auf.
Man hat uns gefragt, ob wir eine Erlaubnis haben, da zu fotografieren und ob wir wissen, ob das eine Synagoge ist. Beides mussten wir verneinen.
Tja, das wusste ich tatsächlich nicht. Die Betonwand, die ich mir beim Scouting so schön ausgesucht hatte, gehörte zu einer jüdischen Synagoge und das Gebäude wird natürlich überwacht. Da wir keine Genehmigung hatten, mussten wir das Feld räumen. Ein absolut verständlicher Vorgang, aber für unser Shooting hieß das: Alles einpacken und komplett neu anfangen.
Kameradschaft, Kälte und der perfekte Schuss
Wir haben dann tief im Hafenareal einen neuen Spot gefunden, aber dort war die Lichtsituation noch furchtbarer. Die Sonne knallte von allen Seiten, reflektierte wild umher. Ich habe bestimmt eine dreiviertel Stunde lang nur das Licht gestellt. Da, dort, jenes probiert – oben, unten, von der Seite. Ich habe allein 50 Testbilder verschossen, bis das Setup stand.
An dieser Stelle muss ich Sandra ein riesiges Lob aussprechen. Es war eiskalt, und wer schon mal bei so einem Wetter stundenlang draußen gestanden hat, weiß, wie das an den Nerven zerrt. Der kurze Dialog sagt eigentlich alles:
"Bist du Model oder Mimose?"
"Mimose, dachte ich mir die Antwort."
Trotz der Kälte, trotz des Umzugs, trotz der widerwilligen Sonne haben wir durchgehalten. Ich habe mein Licht so weit runtergezogen, die Blitze hart reingefeuert, die blaue Folie direkt auf Sandra ausgerichtet. Das Ergebnis? Wir haben tiefes, eiskaltes Blau im Bild. Wir haben eine kalte Umgebung, ein hartes Setup. Wenn ich die Blitze bei diesem Setup in der Kamera ausschalte, erhaltet ihr ein fast komplett schwarzes Bild. Mit den Blitzen erschaffen wir unsere eigene Realität.
Mein Fazit: Ausprobieren, scheitern, weitermachen
Was könnt ihr aus diesem Behind-the-Scenes-Erlebnis mitnehmen? Planung ist wichtig, ja. Aber Planung allein nützt manchmal gar nichts, wenn das Wetter nicht mitspielt oder der gewählte Spot sich als sensibler Bereich entpuppt. Blauer Himmel ist nicht automatisch gutes Fotografier-Wetter – jedenfalls nicht, wenn du Schatten, Tiefe und emotionale, dystopische Geschichten erzählen willst.
Die Magie liegt darin, nicht aufzugeben. Mit etwas Erfahrung, HSS-Blitzen und viel Herumprobieren lassen sich aus den schwierigsten Situationen unglaubliche, cineastische Bilder zaubern. Fotografie bedeutet, Probleme kreativ zu lösen.
Schaut euch das Video oben unbedingt mal an, da seht ihr genau, wie ich die Blitze platziere und wie die OOC-Bilder (Out of Camera) im direkten Vergleich wirken. Ich zeige euch dort live die Wirkung von Grids, blauen Folien und den direkten Unterschied zwischen einer "normalen" Belichtung und meinem geblitzten Setup.
Und wie gesagt: Wenn ihr Anmerkungen habt, wie ihr solche Licht-Setups meistert, wie euer Scouting aussieht oder ob ihr das Video hilfreich fandet – lasst mir einen Kommentar auf YouTube oder hier auf dem Blog da. Verlinkt mir gerne mal eure Arbeiten, wenn ihr aus so richtig schönem Sonnenwetter einen dystopischen Endzeit-Look kreiert habt!
Wir sehen uns beim nächsten Mal. Und wenn alles klappt, hoffentlich bei richtig schönem, schlechtem Regenwetter! Tschüss, euer Ortwin.