+49 177 6789 467 kontakt@ortwinschneider.de
Seite auswählen

Ortwin:

Wenn ich mich heute in der Gesellschaft umsehe, fällt mir immer öfter auf: Kaum jemand schaut mehr nach links oder rechts. Die Menschen ziehen sich immer weiter zurück – in ihre eigenen vier Wände, aber auch digital in ihre ganz privaten Filterblasen. Dieses sogenannte Cocooning ist extrem spürbar. Gleichzeitig haben sich die Plattformen massiv verändert. Wenn du mal 15 Jahre zurückdenkst: Was unterscheidet das Social Media von damals eigentlich von dem, was wir heute bei Instagram, X oder Threads erleben?

KI:

Der grundlegende Unterschied liegt in der Architektur der Netzwerke. Vor 15 Jahren waren Plattformen wie das frühere Facebook oder frühe Foren sogenannte Social Graphs. Das Ziel war die Vernetzung: Du hast Inhalte von Menschen gesehen, mit denen du aktiv befreundet warst oder denen du bewusst gefolgt bist. Es war ein digitaler Marktplatz – laut, manchmal chaotisch, aber primär auf Zwiegespräch und echte Interaktion ausgelegt.

Heute erleben wir reine Interest Graphs. Instagram, TikTok, Threads und X sind von sozialen Netzwerken zu gigantischen Entertainment-Maschinen umgebaut worden. Algorithmen entscheiden nicht mehr danach, wer etwas geschrieben hat, sondern wie extrem ein Inhalt deine Verweildauer maximiert. Aus Dialog wurde Monolog; aus einem Ort des Austauschs eine riesige Plakatwand, an der täglich Millionen Menschen vorbeirennen, ohne anzuhalten.

Ortwin:

Und genau da entsteht für mich als Fotograf und Content Creator ein riesiges Paradoxon. Wenn man Werke erschafft – bei mir sind es Bilder, die von Lichtstimmung, Gefühl und Geschichten leben –, möchte man sie natürlich auch zeigen. Man braucht Reichweite. Aber auf den großen Plattformen wird ein Foto, in dem Stunden an Lichtsetzung und Planung stecken, in 0,4 Sekunden weggewischt.

Weicht man dann in kleine, geschützte Gruppen oder Foren aus, hat man zwar endlich wieder echten Austausch – aber man bleibt unter sich. Man erzeugt sein eigenes "kreatives Cocooning" und erreicht niemanden da draußen mehr. Das ist doch ein Teufelskreis: Masse ohne Tiefe auf der einen Seite, Tiefe ohne Masse auf der anderen. Stecken wir Kreative da unrettbar fest?

KI:

Es fühlt sich wie eine Falle an, aber nur, solange man beide Welten als Gegensätze betrachtet. Der Ausweg liegt darin, die großen Plattformen neu zu definieren.

Erwarte von Instagram oder TikTok keine Wertschätzung oder tiefgründige Beziehungen mehr. Betrachte sie nüchtern als das, was sie sind: als Schaufenster an einer belebten Hauptstraße. Sie dienen nur noch dazu, Aufmerksamkeit zu wecken und neuen Menschen einen ersten Impuls zu geben – das Bild mit der besonderen Lichtstimmung, der kurze Gedanke.

Der Fehler vieler Ersteller ist, dass sie versuchen, im Schaufenster ein Wohnzimmer einzurichten. Das funktioniert nicht. Du musst die Menschen, die am Schaufenster stehen bleiben, Schritt für Schritt mitnehmen: weg von der lauten Straße, hin zu deinen eigenen Räumen.

Ortwin:

Das klingt logisch, bedeutet aber auch ein klares Umdenken bei der Frage, was "Reichweite" überhaupt wert ist.

KI:

Exakt. Wir wurden über ein Jahrzehnt darauf konditioniert, Reichweite nur in reinen Zahlen zu messen – 10.000 Likes, 50.000 Follower. Aber es gibt zwei völlig verschiedene Arten von Reichweite:

Breiten-Reichweite: 100.000 Menschen sehen dein Bild für eine halbe Sekunde auf dem Smartphone-Display und haben es Sekunden später vergessen.

Tiefen-Reichweite: 500 Menschen sehen deine Arbeit, verstehen den emotionalen Kern hinter deinem Lichtaufbau, lassen sich davon berühren und 50 davon kommen zu einem echten Treffen oder Workshop.

Wenn du 30 oder 50 engagierte Menschen in einem Raum hast, die wegen deiner Visuellen Sprache und deiner Haltung zusammenkommen, ist das tausendmal wertvoller und erfüllender als eine anonyme Zahl unter einem Beitrag.

Ortwin:

Was ist also die konkrete Lösung für uns? Wie durchbrechen wir dieses digitale Einigeln und schaffen wieder echte Kontakträume?

KI:

Indem wir Analoge und Echte Räume wieder bewusst als das eigentliche Ziel begreifen:

  • Das Digitale als Brücke nutzen: Nutze YouTube oder Instagram, um deine Haltung zu zeigen, aber lade die Leute ein, den nächsten Schritt zu gehen – sei es über entschleunigte Formate, persönliche Newsletter oder direkte Community-Kanäle.

  • Echte Begegnungen schaffen: Das Gegenmittel zum Cocooning ist das reale Leben. Community-Treffen, gemeinsame Fotowalks, Ausstellungen oder der Austausch im Studio. Menschen sehnen sich in einer zunehmend isolierten Welt nach Haptik, ehrlichen Gesprächen und echter menschlicher Bindung.

  • Entschleunigung als Haltung: Lass dich nicht vom Takt der Algorithmen hetzen. Ein einziges Bild, das eine Geschichte erzählt und ein Gefühl transportiert, überdauert hundert schnell produzierte Inhalts-Snacks.

Ortwin:

Mein Fazit aus all dem? Wir müssen aufhören, den Algorithmen hinterherzulaufen und unsere Energie in künstliche Reichweite zu stecken. Es geht darum, das Digitale wieder als Werkzeug zu nutzen, um am Ende das zu erreichen, was wirklich zählt: Licht, Geschichten und echte Begegnungen von Mensch zu Mensch.

Wie seht ihr das? Habt ihr euch auch schon im "Digitalen Cocooning" erwischt oder vermisst den echten Austausch von früher? Schreibt es mir gern in die Kommentare oder lasst uns beim nächsten Studio-Treffen persönlich darüber quatschen!

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner