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Willkommen in einer anderen Welt: 14 Tage purer visueller Overkill
Willkommen zurück! Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll. Ich nehme euch heute mit auf eine Reise, die mich als Fotograf, als Storyteller und ehrlich gesagt auch einfach als Mensch komplett durchgeschüttelt hat. 14 Tage China. Schanghai, Chongqing und Hongkong. Wir haben versucht, diesen unglaublichen Trip in knapp fünf Minuten Video zu packen. Was ihr in diesem Clip seht, ist ein absoluter Kondensat aus Eindrücken, Emotionen, Licht und tiefen, tiefen Schatten.
Fotografie ist ja für mich nie nur das reine Abdrücken. Es ist das Fühlen einer Stadt. Und glaubt mir, diese drei Metropolen fühlen sich so unterschiedlich an, als würde man in wenigen Tagen durch verschiedene Zeitalter und Dimensionen springen. Wer auf saubere, klinisch perfekte Reisekatalog-Bilder steht, ist bei mir ohnehin falsch. Ich suche das Echte. Das Ungefilterte. Und das fing schon an Tag eins an.
Schanghai: Zwischen strenger Ordnung und architektonischem Wahnsinn
Unsere Reise startete mit dem Flug nach Schanghai – und direkt mit den ersten skurrilen Begegnungen. Wusstet ihr, dass es das sogenannte „Hukou“-System gibt? Eine Art Berechtigungsschein für Einheimische, der sogar vererbt wird und bestimmt, welche Privilegien du in der Stadt genießt. Solche Geschichten aufschnappen, das passiert nur, wenn man sich Zeit nimmt, im Flieger oder im Zug wirklich mit den Leuten zu reden.
Angekommen im Hostel wurde schnell klar: Wir sind hier nicht im Luxusurlaub. Ein Vierbett-Schlafsaal für Sandra, für Gwe und mich ein Zimmer mit einem fantastischen Ausblick… direkt auf eine Baustelle. Aber wisst ihr was? Genau das ist Street Photography. Genau das ist Urban Exploring. Man nimmt die Realität, wie sie ist, und macht Bilder draus.
Keiner hier in der ganzen Stadt bisher jetzt gestresst. Egal ob das die Bauarbeiter sind, ob das die Polizisten sind, ob das die Straßenreinigung ist, ob das Verkäufer sind. Das einzige, was die Leute offensichtlich stresst, sind Leute, die Englisch mit ihnen sprechen.
Was mich in Schanghai visuell absolut gepackt hat, war diese extreme Dreidimensionalität. Du stehst auf einer Brücke, schaust nach unten und siehst Fahrzeuge fahren. Du schaust nach oben, noch zwei Brücken übereinander. Die Straßen laufen teilweise in der sechsten Etage ab. Licht fällt hier ganz anders. Du musst das Licht suchen, weil die Schattenkreuze der Architektur dir ständig neue, cinematische Rahmen bieten. Ein absolutes Highlight war das Kunstviertel M50 und das Gebäude „1000 Trees“ – ein Hochhaus, auf dem buchstäblich ein Wald wächst. Architektur und Natur in einem absurden, wunderschönen Kontrast.
Chongqing: Mein ultimativer Cyberpunk-Traum
Dann ging es weiter nach Chongqing. Und Leute, wenn Schanghai schon dreidimensional war, dann hat Chongqing die Gesetze der Physik einfach abgeschafft. Diese Stadt ist ein Labyrinth. Ein lautes, heißes, pulsierendes Labyrinth bei 35 Grad.
Wir stiegen in einen Fahrstuhl ein, fuhren gefühlt eine Ewigkeit nach unten, stiegen aus – und waren immer noch irgendwo in der Luft, auf der Suche nach dem Boden. Man überquert eine Brücke, geht in ein Gebäude im sechsten Stock, und da ist einfach mal eine Tankstelle. Überall Treppen, dunkle Ecken, Neonlicht, das sich auf feuchten Straßen spiegelt. Hier muss man als Fotograf gar nichts inszenieren, die cinematische Bildsprache offenbart sich dir einfach an jeder Ecke.
Ich weiß nicht, wie euch Chongqing gefällt. Klar, für Naturburschen ist das vielleicht nicht gerade was, aber für einen wie mich, der auf Blade Runner und Cyberpunk steht, das ist schon Overflow. Einfach Overflow, wie tief es runtergeht.
Es ist lauter als Schanghai, wilder, ungestümer. Überall brodelt es. Wir saßen abends beim Hotpot – und wenn dir der Kellner die „halbscharfe“ Brühe bringt und du merkst, wie dir das Gesicht einschläft, dann weißt du, du bist mittendrin im Leben. Wenn ich durch solche Straßen laufe, dann bin ich wie im Tunnel. Die Leuchtreklamen knallen durch den Smog, die Menschenmassen schieben dich vorwärts, das Vogelgezwitscher mischt sich paradoxerweise mit dem Autolärm. Ein Brain-Overflow im positivsten Sinne.
Hongkong: Wo Klimaanlagen Geschichten erzählen
Zum Abschluss dieses irren Trips: Hongkong. Wir landeten in den berühmt-berüchtigten Chungking Mansions. Fünf Gebäudekomplexe, 16 Etagen und ungelogen über 90 kleine Hostels, die da reingequetscht sind. Die Zimmer sind so klein, dass wir aufpassen mussten, nicht übereinander zu fallen. Ein Waschbecken, das gleichzeitig die Dusche und fast das Klo ist.
Aber Hongkong hat diese ganz eigene, melancholische Ästhetik. Ich liebe es, wie das Licht sich seinen Weg durch die engen Gassen bricht. Wie die bröckelnden Fassaden im harten Kontrast zu blinkenden Leuchtschildern stehen. Wir waren auf dem Ladies Market, auf der Temple Street beim Streetfood – überall diese extreme Dichte an Menschen, Gerüchen und Geschichten.
Einer der stärksten Momente für mich als Storyteller war aber gar kein riesiges Gebäude, sondern der Blick auf die Fassaden in Hongkong. Wenn man genauer hinsieht, wird einem die brutale Realität dieser Metropole bewusst. Schatten erzählen so viel, aber manchmal sind es die kleinen Dinge im Licht, die dich treffen:
Jede Wohneinheit beherbergt zwei bis drei Personen. Das heißt, du kannst abzählen, wie viel Wohneinheiten pro Fensterfront sind. Jede Klimaanlage steht für zwei Menschen. Selbst in den düstersten Ecken gibt es Halt, Hoffnung in Form von Pflanzen.
Um dieser Enge kurz zu entfliehen, bin ich alleine mit der Fähre nach Lamma Island rübergefahren. Einfach mal eine halbe Stunde raus. Keine Autos, entspannte Hunde auf den Straßen, Natur. Dieser extreme Bruch ist es, was Reisen für mich ausmacht. Du brauchst die Stille, um den Lärm danach überhaupt wieder aushalten und fotografieren zu können.
Was bleibt nach 14 Tagen Reizüberflutung?
Wenn ich jetzt auf mein Videomaterial und die Fotos schaue, bin ich wirklich geflasht. China ist ein Land der krassen Gegensätze. Du hast auf der einen Seite Hightech, automatische Fingerabdrücke bei der Einreise und komplett bargeldloses Bezahlen mit Alipay. Auf der anderen Seite die kleinen Garküchen auf der Straße, Hühnerkrallen als Snack am Spieß und Leute, die dir auf einem Monitor dein eigenes Ohrenschmalz zeigen, während sie dir auf offener Straße die Ohren putzen.
Für mich als Fotograf war es ein einziger großer Spielplatz. Wenn ihr meine Art der Fotografie mögt – das Raue, Dunkle, Stimmungsintensive –, dann ist diese Reise eine Blaupause dafür, wie man sich treiben lassen muss. Planung ist wichtig, ja. Aber die besten Bilder entstanden dort, wo uns das Navi im Stich ließ und wir uns auf der Suche nach einer Tankstelle im sechsten Stock durch irgendwelche dunklen Betontunnel manövrieren mussten.
Schaut euch unbedingt das Video ganz oben an! Lasst euch mal fünf Minuten komplett aus eurem Alltag reißen und taucht mit Uwe, Sandra und mir in dieses gigantische Lichtermeer ab. Es wird euch erschlagen – auf die bestmögliche Art und Weise.
Wart ihr schon mal in Asien oder speziell in einer dieser Städte? Wie geht ihr mit diesem visuellen Overflow um – Kamera draufhalten oder einfach nur staunen? Schreibt mir gerne eure Gedanken. Und bis dahin: Geht raus, sucht das Licht, aber vergesst die Schatten nicht!
Euer Ortwin