Willkommen hinter den Kulissen: Wenn der Raum dein härtester Gegner ist
Willkommen zurück, Leute! Ich nehme euch heute wieder mit hinter die Kulissen, direkt in den Staub, den Schweiß und das kreative Chaos meines neuen Fotostudios. Wer meine Videos und meine Arbeit kennt, der weiß: Für mich ist Fotografie nicht einfach nur das Drücken eines Auslösers. Es ist das Erschaffen von Welten. Aber bevor wir mit Licht malen und mit Schatten Geschichten erzählen können, müssen wir die Leinwand dafür aufbauen. Und genau darum geht es im neuesten Teil meines Studiovlogs.
Schaut mal, wenn man ein neues Studio plant, hat man diese große, filmische Vision im Kopf. Man sieht schon die Models vor sich, spürt die Stimmung im Raum, weiß genau, wie das Streiflicht über die Schulter fallen soll. Doch dann steht man im realen Raum und die Realität holt einen ziemlich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Mein aktueller Endgegner in diesem neuen Bereich? Die Architektur selbst.
„eins der großen Probleme in dem neuen Bereich ist diese Decke deshalb habe ich das Ding auch ein bisschen schräch gestellt in der Theorie“
Jeder Raum hat seine Eigenheiten, und diese Decke macht es mir nicht gerade leicht, meine Papierhintergründe vernünftig und vor allem sicher aufzuhängen. Aber anstatt aufzugeben, heißt es: improvisieren, umdenken und das Problem konzeptionell lösen. Denn am Ende des Tages ist Studiofotografie zu 50 Prozent pure Emotion und zu 50 Prozent knallhartes Problemlösen.
Das Fundament: Warum der Boden mehr ist als nur ein Ort zum Stehen
Lasst uns über etwas sprechen, das viele in der Fotografie komplett übersehen: den Boden. Wenn wir ein Set aufbauen, schauen wir immer auf das Hauptlicht, wir schauen auf die Kamera, wir schauen auf den Hintergrund. Aber der Boden? Der ist einfach nur da. Falsch! Der Boden ist eines der mächtigsten Werkzeuge für die Lichtsetzung, das wir im Studio haben.
Ich habe mich entschieden, im Hintergrundbereich ein komplett neues Fundament zu gießen – metaphorisch gesprochen. Ich habe den Bereich mit 18 Millimeter starken OSB-Platten ausgelegt. Warum 18 Millimeter? Weil ich Flexibilität brauche. Ich will eine Basis haben, in die ich zur Not auch mal etwas schweres reinbohren und verankern kann, ohne dass gleich das ganze Haus zusammenbricht. Aber der eigentliche Zauber passiert erst nach dem Verlegen.
„die streiche ich weiß vor allem Ding damit ich halt eine Reflektionsfläche habe und bei portraätaufnahmen ich halt Licht habe was von unten direkt nach oben kommt“
Lichtphilosophie: Die Magie der Reflektion von unten
Hier wird es nämlich richtig spannend und wir kommen zu dem, was meine Art der Portraitfotografie ausmacht. Stellt euch folgendes vor: Ihr habt ein wunderschönes, cinematisches Hauptlicht von schräg oben. Es formt das Gesicht, es schafft Drama, es wirft einen charakterstarken Schatten unter das Kinn und die Nase. Das ist toll für einen dunklen Kino-Look.
Aber was, wenn ihr ein Portrait fotografiert, das zwar Tiefe haben soll, aber gleichzeitig eine gewisse Weichheit und Zugänglichkeit erfordert? Wenn das Gesicht strahlen soll? Hier kommt der weiß gestrichene Holzboden ins Spiel. Er agiert als riesiger, passiver Reflektor. Das Licht, das von oben eure Szene erhellt, trifft auf diesen weißen Boden und wird sanft von unten zurück in das Gesicht eures Models geworfen.
Das Ergebnis? Die harten Schatten unter dem Kinn öffnen sich. Die Augenringe verschwinden auf eine völlig natürliche Art und Weise, ganz ohne Photoshop. Und das Wichtigste: Ihr bekommt ein unfassbar lebendiges Catchlight (einen Lichtreflex) im unteren Bereich der Pupille. Das sind diese kleinen, emotionalen Details, die den Unterschied machen zwischen einem „normalen Foto“ und einem Bild, das dich festhält und nicht mehr loslässt. Licht ist nicht nur Helligkeit. Licht ist Gefühl. Und in diesem Fall baue ich mir die Emotion buchstäblich fest in mein Studio ein.
Die DIY-Konstruktion: Holzpilone statt Standard-Stative
Zurück zu unserem Decken-Problem und dem Papierhintergrund. Ein Hintergrundsystem auf zwei schnöden Stativen wackelt, nimmt Platz weg und sieht – ehrlich gesagt – in einem permanenten Set-up einfach nicht gut aus. Es stört den Flow im Raum.
Meine Lösung? Handarbeit. Ich schraube mir meine eigenen Halterungen zusammen.
Stellt euch das so vor: Ich setze eine Holzhalterung direkt an die Basis und ziehe zwei massive Holzpilone nach oben. Diese Pilone werden die Träger für die schweren Papierrollen. Damit das Ganze nicht bei der kleinsten Berührung umkippt oder ins Schwanken gerät, wenn ich den Hintergrund abrolle, verbinde ich diese Pilone nach hinten hin mit den festen Säulen an den großen Studiofenstern.
Das ist Architektur im kleinen Stil. Es geht darum, die Gegebenheiten des Raumes zu nutzen, anstatt gegen sie zu kämpfen. Die Fenstersäulen sind massiv, sie sind unbeweglich. Indem ich mein Hintergrundsystem an diese Säulen ankopple, schaffe ich eine Stabilität, die mir kein freistehendes Stativ der Welt geben kann.
Der kreative Prozess ist nie perfekt
Ich sage euch ganz ehrlich: Ich zeige euch das alles komplett ungefiltert, weil ich möchte, dass ihr seht, wie dieser Prozess wirklich abläuft. Auf Instagram sehen wir immer nur die fertigen, Hochglanz-Studios. Aber der Weg dorthin ist geprägt von Zweifeln, von Fehlern und von dem Mut, einfach mal was auszuprobieren.
„ich bin mal gespannt ob das klappt aber ihr werdet es ja sehen in den nächsten Folgen“
Das ist mein voller Ernst! Während ich das Video aufgenommen habe, war das Konzept in meinem Kopf zwar logisch, aber ob das Holz am Ende die Spannung hält? Ob die Konstruktion wirklich praxistauglich ist, wenn ein Model auf dem weißen Boden tanzt oder springt? Das weiß ich in diesem Moment noch nicht. Das ist das Risiko, das man eingeht, wenn man sich seine kreativen Räume selbst erschafft. Und genau das macht es so unglaublich spannend.
Der Hintergrund als Leinwand deiner Geschichten
Vielleicht fragt ihr euch jetzt: „Ortwin, warum der ganze Aufwand wegen einer Rolle Papier?“ Die Antwort ist simpel: Ein Papierhintergrund im Studio ist niemals nur ein Stück Papier. Er ist das Nichts, aus dem wir alles erschaffen können.
Wenn ich eine Person vor einen grauen oder weißen Karton stelle, nehme ich ihr den echten, urbanen Kontext. Es gibt keine Straße, keine Skyline, keine ablenkenden Elemente. Die Person ist völlig isoliert. In diesem Moment müssen das Licht und die Schatten die ganze Geschichte erzählen. Das ist die reinste, ehrlichste Form der Fotografie. Es gibt nichts, hinter dem sich der Fotograf oder das Model verstecken können. Deshalb muss dieses Setup perfekt funktionieren. Der Hintergrund muss glatt abrollen, er darf keine unruhigen Falten werfen (es sei denn, ich will das stilistisch so!), und er muss so stabil hängen, dass ich mich zu 100 Prozent auf die zwischenmenschliche Interaktion mit der Person vor meiner Kamera konzentrieren kann.
Fazit: Was ich euch mitgeben möchte
Was können wir aus diesem kleinen Einblick in mein Baustellen-Chaos mitnehmen? Vor allem zwei Dinge:
- Licht entsteht nicht nur aus Lampen. Denkt immer an eure Umgebung. Ein gestrichener Boden, eine weiße Wand – all das sind permanente Lichtformer, die eure Bilder massiv beeinflussen. Nutzt sie bewusst! Der weiße Boden wird meine zukünftigen Portraits auf ein neues Level an weicher, cinematischer Ausleuchtung heben.
- Lasst euch von Problemen nicht aufhalten. Eine tiefe Decke? Baut euer eigenes Gestell. Eine ungerade Wand? Macht sie zu eurem Stilmittel. Kreativität bedeutet, mit den vorhandenen Werkzeugen eine Lösung zu finden, die im besten Fall sogar geiler ist als der Standard.
Ich lade euch herzlich ein: Klickt oben auf das Video, schaut euch an, wie ich da auf dem Boden rumkrieche und die OSB-Platten ausrichte. Es ist roh, es ist laut, es ist echt. Und vergesst nicht, den Kanal zu abonnieren, denn in der nächsten Folge werden wir sehen, ob meine wilde Holzkonstruktion an den Fenstersäulen wirklich gehalten hat – oder ob mir der ganze Spaß um die Ohren geflogen ist.
Habt ihr euch selbst schon mal ein Studio oder eine kleine Foto-Ecke zu Hause eingerichtet? Was war euer härtester Gegner? Schreibt es mir unbedingt in die Kommentare unter dem YouTube-Video oder direkt hier auf dem Blog. Ich bin super gespannt auf eure Geschichten.
Bleibt kreativ, spielt mit dem Licht und wir sehen uns im nächsten Beitrag.
Euer Ortwin.