Willkommen im reinen Chaos: Ein analoges Abenteuer
Hallo Freunde der Fotografie! Wenn ihr meine Videos kennt, wisst ihr: Normalerweise habe ich einen klaren Plan. Ich weiß, wo das Licht herkommt, ich kenne meine digitalen Kameras in- und auswendig, und ich spiele mit den Schatten, um meine Geschichten zu erzählen. Aber heute? Heute nehme ich euch mit auf einen Trip, der mich völlig aus meiner Komfortzone gerissen hat.
„Dieses Video braucht tatsächlich eine Einleitung. Euch erwartet das reine Chaos. Wir haben fotografiert mit analogen Leica, digitalen Leica, Mittelformat digital, Mittelformat analog... Wir haben ein Portraitshooting gemacht unter den schlechtesten Bedingungen, die man sich vorstellen kann.“
Wir waren in der C-Mine in Genk. Genauer gesagt: mitten in einem gigantischen, rostigen Stahl-Labyrinth unter gleißendem, knallhartem Sonnenschein. Mit dabei: Unser Model Sandra, in einem extra für dieses Shooting gekauften Kleid, und mein Fotografen-Kollege Stefan – beladen mit einer Kamerasammlung, bei der jedem Analog-Liebhaber die Knie weich werden. Plaubel Makina 67, Leica M6 aus den 80ern, eine wunderschöne Polaroid SX-70 und Tüten voller Roll- und Kleinbildfilm. Keine Displays zur Kontrolle. Nur wir, das Licht, die Schatten und ein alter Gossen Belichtungsmesser.
Licht ist Emotion – aber hier war es unser größter Gegner
Wenn ich über Licht spreche, dann spreche ich oft über Cinematik. Über weiche Verläufe, über Schatten, die formen und Geheimnisse bewahren. In Genk hatten wir davon nichts. Wir hatten brutale Kontraste. Stahl, der das Sonnenlicht wie ein Spiegel ins Gesicht von Sandra warf, und Schatten, die tief und schwarz wie die Nacht waren.
Wer digital fotografiert – ich hatte sicherheitshalber auch meine Fuji GFX 100 S2 dabei –, weiß: Man darf die Lichter nicht ausbrennen lassen. Bei analogem Negativ-Film ist es aber genau umgekehrt. Die Schatten brauchen das Licht. Und das hat uns in dieser Location vor massive Probleme gestellt.
Wir haben das Licht per Hand gemessen. Nicht das reflektierte Licht, das in die Kamera zurückfällt, sondern das einfallende Licht, das direkt auf Sandra traf. Das ist die reinste, ehrlichste Form der Belichtungsmessung. Aber machen wir uns nichts vor:
„Man muss sehr viel können und das Ding auch vernünftig einsetzen. Ich benutze den auch nur bei analoger Fotografie und wir sehen ja auch gleich den Unterschied.“
Während meine digitale Fuji oft komplett andere Werte ausspuckte (plötzlich wollte sie ein 1/1250 bei Blende 1.4, während der Handbelichtungsmesser eine 1/4000 forderte), mussten wir uns auf die analoge Technik verlassen. Es flogen uns ISO-Werte, Blendenreihen (Blende 5.6... nein, Blende 11... warte, Blende 16 ist immer noch zu hell!) und Verschlusszeiten um die Ohren. Genau das macht analoge Fotografie heute so herausfordernd, aber eben auch so magisch. Es zwingt dich, das Licht wirklich zu verstehen, anstatt dich auf den Sensor-Computer zu verlassen.
Entschleunigung extrem: Fünf Euro pro Klick
Schaut euch mal an, wie wir im Video mit der Plaubel Makina 67 hantieren. 6x7 Mittelformat auf einem 120er Rollfilm. Das ist kein kleines Spielzeug, das ist ein fotografisches Werkzeug mit Charakter. 10 Bilder passen auf so eine Filmrolle. Der Film kostet Geld, die Entwicklung kostet Geld. Stefan sagte es im Video ganz treffend:
„Zehn Bilder. Der Film kostet 8 oder 9 Euro und dann kommt das Entwickeln noch dazu. Also ein komplettes Bild – 5 Euro der Schuss.“
Bei fünf Euro pro Auslösung drückst du nicht einfach ab. Du stellst dich hin. Du atmest. Du baust eine Verbindung zu deinem Model auf. Du misst das Licht ein drittes Mal. Du bedienst den Balgen, du bringst die zwei Fokus-Bilder im winzigen Messsucher mühsam übereinander. Man schwitzt, man flucht leise, das Model wartet. Diese absolute Entschleunigung ist etwas, das wir im Zeitalter von Serienbild-Sperrfeuer und Autofokus mit Augenerkennung fast völlig verlernt haben.
Wenn die Technik zickt: Blitz-Desaster und Batterie-Tod
Natürlich wollte ich mein geliebtes Blitzlicht mit ins Spiel bringen. Ein Godox AD400 sollte uns helfen, die gnadenlosen Kontraste zwischen der Sonne und den dunklen Stahlwänden des Labyrinths auszugleichen. Die Idee war gut: ISO 100, Blende 16, eine 1/125 Sekunde Synchronzeit.
Die Praxis? Der kalte Blitzschuh (Cold Shoe) der alten Kameras saugte die neuen Batterien aus meinem Godox-Trigger in Sekundenschnelle leer. Ständig gab es Kurzschlüsse. Mal löste der Blitz aus, mal standen wir im Dunkeln. Das ist es, was ich euch immer wieder zeigen will: Die Realität am Set ist nicht immer Instagram-perfekt. Dinge gehen schief. Technik streikt. Ein Shooting ist lebendig, unberechenbar und manchmal einfach verdammt frustrierend. Aber genau dort, wo die Perfektion aufhört, fängt die echte Geschichte an.
Die Polaroid-Magie: Verschwommen, retro, perfekt
Mein kleines persönliches Highlight in all der Hektik war die Polaroid SX-70. Eine Kamera zum Aufklappen. Nichts zum Einstellen, nur grob heller oder dunkler schieben, zielen und dieses unglaubliche, mechanische Geräusch beim Auslösen genießen. Dann stehst du da und wartest fünf bis zehn Minuten – nicht wie im Hollywood-Film, wo man das Bild rumwedelt, sondern du legst es ehrfürchtig zur Seite und lässt der Chemie ihre Zeit.
Sandra schaute sich das Ergebnis an und meinte nur: „Retro.“ Ja, es ist verschwommen. Es ist nicht gestochen scharf bis in die Poren. Die Kontraste fressen die Farben förmlich auf. Aber genau deshalb liebe ich solche Bilder. Sie sind kein reines Abbild der Realität, sie sind ein verdichtetes Gefühl. Sie erzählen mehr über den Vibe in diesem Labyrinth in Genk als das schärfste 100-Megapixel-Raw-File meiner Fuji.
Fazit: Setzt euch mit einer Tasse Kaffee hin!
Dieses Shooting war komplex, schwer und überraschend intensiv. Für Stefan war es eine Premiere in der People-Fotografie mit analogem Mittelformat, für mich eine Rückkehr in eine Zeit, die ich schon lange hinter mir gelassen glaubte. Hätten wir das besser planen können? Klar. Jeden Bereich mit einer separaten Kamera und einem festen Film abzudecken, wäre weitaus schlauer gewesen, als kreuz und quer alles durcheinander zu nutzen. Aber genau aus diesen Erfahrungen lernt man.
Das Video da oben ist lang. Es ist roh, ungeskriptet und voller Fehler. Aber es steckt voller Leidenschaft für unser Handwerk. Also tut mir einen Gefallen: Holt euch einen guten Kaffee, nehmt euch die Zeit und kommt mit uns in dieses stählerne Labyrinth. Schaut uns beim Schwitzen und Fluchen zu.
Habt ihr selbst schon mal den Sprung ins analoge Mittelformat gewagt? Wie geht ihr mit solchen extremen Lichtbedingungen um? Schreibt es mir unbedingt unten in die Kommentare – auf dem Blog oder direkt unter dem Video auf YouTube. Lasst uns diskutieren, lasst uns voneinander lernen.
Wir sehen uns beim nächsten Projekt. Ob das dann wieder so ein Wahnsinn wird oder was Ruhigeres, werden wir sehen. Bleibt kreativ, sucht das beste Licht, bis dann und tschüss!