Licht ist nicht einfach nur hell – es ist eine bewusste Entscheidung
Willkommen ihr Lieben! Ich nehme euch heute mit auf eine Reise, die für mich die absolute Essenz der Fotografie bedeutet. Schaut mal, wir Fotografen verlaufen uns so oft in der Technik. Wir diskutieren über Blenden, über Megapixel, über die neuesten Kameramodelle. Aber wisst ihr, worum es wirklich geht? Um das, was ihr euren Betrachtern vermitteln wollt. Es geht um Gefühle.
„Licht ist nicht einfach nur hell, Licht ist eine Entscheidung. Es geht nicht um Technik und es geht auch nicht darum, wie ihr eure Kamera einstellt, sondern es geht darum, wie ihr mit leichten Bewegungen von Licht und von Lichtformern ein Gefühl bekommt und das ausdrücken könnt, was ihr ausdrücken wollt.“
Für dieses Video habe ich mir Patrizia ins Studio geholt. Sie hat sich freundlicherweise dazu bereit erklärt, sich ein bisschen von mir „quälen“ zu lassen – na ja, zumindest lichttechnisch. Unsere Mission? Wir wollen 20 völlig unterschiedliche Emotionen fotografieren. Und der Clou dabei: Wir nutzen nur ein einziges Licht. Kein riesiges Setup, keine fünf Blitze. Nur einen Beauty Dish, ein Modell und die Macht der Schatten.
Vergiss das platte Instagram-Licht: Warum Schatten dein wichtigstes Werkzeug sind
Wenn ihr heute auf Social Media scrollt, seht ihr oft dieses typische Ringlicht-Gesicht. Hell, platt, schattenfrei. Das sieht vielleicht nett aus, aber es erzählt keine Geschichte. Es hat keine Tiefe. Cinematische Bildsprache – wie wir sie aus Filmen wie Blade Runner kennen – lebt vom Kontrast. Die Schatten formen das Gesicht, sie erzeugen Spannung, Melancholie oder Dramatik.
Als Werkzeug für unser Shooting habe ich zwei Godox Beauty Dishes mitgebracht (einen für 120 Euro, einen etwas günstigeren für knapp 60 Euro). Egal ob teuer oder günstig, der Beauty Dish hat eine ganz spezielle Lichtcharakteristik, die leider die wenigsten Fotografen wirklich verstehen.
„Beauty Dishes sind wirklich so die Zimtzicken der Fotografie. Es ist nicht immer das Model das Zickigste im Raum, wie Patrizia heute lernen durfte.“
Was macht ihn zur Zicke? In der Mitte der Softbox befindet sich eine Deflektorplatte. Das direkte, harte Licht wird zurückgehalten und prallt an die silbernen Seitenränder. Das bedeutet: In der Mitte haben wir eigentlich einen strukturierten, dunkleren Fleck. Das Licht kommt von den Seiten wie ein Nebel auf das Gesicht des Models. Es macht die Haut weich, aber den Raum darum herum hart und kernig. Im Video zeige ich euch das übrigens ziemlich anschaulich mit einem Rapier – ja, einem echten Kampfschwert aus meinem Fundus, das wir kurzerhand als "Lichtschwert" missbrauchen, um den Schattenwurf zu demonstrieren!
Ein Licht, viele Gefühle: Das Karussell der Emotionen
Es ist faszinierend zu sehen, was ein paar Grad Verschiebung des Lichtstativs oder ein veränderter Winkel des Models bewirken können. Ich zeige euch mal, was Patrizia und ich unter anderem im Studio erarbeitet haben:
1. Einsamkeit
Für die Einsamkeit haben wir das Licht zur Seite gestellt und das Zentrum des Beauty Dishes an Patrizia vorbeigeleitet. Nur das harte Kantenlicht streift sie. Patrizia beschrieb das Gefühl sehr treffend als "hart" und "abgestumpft". Genau das macht das Licht: Es lässt einen Teil im Dunkeln, isoliert das Model und nimm die Wärme aus dem Bild.
2. Geborgenheit
Das genaue Gegenteil. Wir haben den Beauty Dish exakt vor Patrizias Gesicht geschoben, sehr nah dran. Hier nutzen wir das weicheste Zentrum des Lichtformers. Das Licht legt sich wie eine warme Decke um sie. Wenig harte Schatten, viel Nähe.
3. Ehrlichkeit (oder: Realness)
Dieses Set war uns beiden sehr wichtig. Das Licht ist fast direkt auf Augenhöhe und extrem frontal. Man sieht jede Kontur, jedes Detail, keine Geheimnisse. Ein Licht, das nicht jedes Model unbedingt mag, da schmeichelhafte Schatten fehlen. Patrizia hatte dafür extra ihre Haare offen – ein seltener Move von ihr. Wir haben darüber philosophiert: Ehrlichkeit nennt man heute oft "Realness". Jeder fordert sie im Netz, aber kaum jemand traut sich, wirklich real vor der Linse zu sein.
4. Die melancholische Filmdiva & Nostalgie
Um ein Gefühl von Nostalgie und alten Filmplakaten zu erzeugen, stand das Licht etwa 30 Grad seitlich. Es sollte Patrizias Gesicht umschmeicheln. Der Trick dabei: Von der Schattenseite haben wir einen warmen, fast goldenen Reflexionsschirm (meinen Zebraschirm) sehr nah herangeholt. Ganz wichtig für euch, falls ihr das nachbaut: Stellt den Weißabgleich eurer Kamera zwingend auf manuelle Werte, sonst rechnet die Automatik die schöne goldene Stimmung gnadenlos aus dem Bild heraus!
Das Geheimnis des Black Mist Filters (Ein bisschen analoge Magie)
Ein kurzer Exkurs zur Technik, den ich mir nicht verkneifen kann. Im Video fotografiere ich mit der Fuji GFX 100 S2. Eine unglaubliche Kamera, aber manchmal ist dieses digitale Mittelformat fast schon zu scharf und zu hart. Gerade bei Beauty Dishes, die der Haut nichts verzeihen, brennen Glanzpunkte im Gesicht extrem schnell aus.
Deshalb lebt auf meinen Objektiven fast durchgehend ein Black Mist Filter (¼ oder ⅛) von meinem Kanalsponsor K&F Concept. Dieser Filter macht aus einem hart-digitalen Bild einen organischen, weicheren Look. Er legt einen wunderbaren, soften Halo um die Lichter, bewahrt aber – ganz wichtig, weil es ein Black Mist ist – die sanierten Tiefen und tiefen Schatten. Es ist der absolute Gamechanger, wenn ihr Portraitfotografie mit diesen starken, cinematischen Kontrasten betreibt.
Das 20. Gefühl liegt ganz bei dir
Wir haben im Studio insgesamt 19 Gefühle klar definiert und ausgeleuchtet: von Zorn über Skepsis, Hoffnung, Erfurcht (im Stile großer Kathedralen) bis hin zum inneren Frieden in fast völligem Gegenlicht. Ihr merkt: Die Studiofotografie ist so viel mehr als nur "Hellmachen". Schatten formen die Geschichte. Sie entscheiden darüber, ob wir eine düstere Straßenszene à la Mad Max erzählen oder das weiche Strahlen der ersten großen Liebe.
Das 20. Lichtset im Video haben wir bewusst unkommentiert gelassen. Ich habe den Beauty Dish direkt hinter Patrizia platziert. Das Licht umschmeichelt sie förmlich von hinten. Es gleicht einer leeren Leinwand.
Mein Fazit und mein Appell an euch:
Geht nicht einfach nur raus oder ins Studio und sagt: "Ach, ich mach mal Fotos heute." Überlegt euch vorher: Was möchte ich eigentlich sehen? Was sollen die Betrachter fühlen? Welches Gefühl plant ihr ein und vor allem: Welches Licht müsst ihr setzen, um genau dieses Gefühl freizulegen?
Schaut euch das Video oben komplett an, beobachtet genau, wie sich das Licht und die Schatten in Patrizias Gesicht verschieben. Und dann freue ich mich riesig, wenn ihr mir unten in die Kommentare (hier oder auf YouTube) schreibt: Was interpretiert ihr in das 20. Gefühl hinein?
Lasst das Ringlicht ab und zu mal aus, umarmt die Dunkelheit und lernt eure Schatten kennen.
Viel Spaß beim Ausprobieren! Euer Ortwin.